Pflege

Harnableitung – Was spricht für die Bauchdeckenlösung?

Die Harnableitung über die Bauchdecke kann unter Umständen die passende Lösung für bestimmte Patienten sein. Sie ist im Grunde der Ableitung über die Harnröhre vorzuziehen, da sie nicht nur langfristig komplikationsärmer ist, sondern weil sie mehr Spielräume in Richtung Rehabilitation und Lebensqualität eröffnet.

Harnableitung: Harnröhre oder Bauchdecke

Die aufsaugende Form der Inkontinenzversorgung ist mittlerweile derartig effektiv und hochwertig, dass bei älteren Menschen immer seltener eine Harnableitung durch die Harnröhre erwogen wird.

Jedoch gibt es nicht nur für jüngere Patienten immer noch gute Gründe für eine Harnableitung mittels Katheter. Gerade bei sexuell aktiven Männern kann dabei die sogenannte perkutane, suprapubische Harnableitung, eine "Bauchdeckenlösung", eine gute Option sein.

Neben dem intermittierenden Selbstkatheterismus durch die Harnröhre steht auch die transurethrale Dauerkatheterisierung zur Diskussion. Diese Form ist aber in den seltensten Fällen indiziert oder gar gerechtfertigt, ja man muss sie sogar als Kunstfehler werten, wenn eine Ableitung des Harns auch durch die Bauchdecke als sogenannte perkutane, suprapubische Harnableitung ohne Komplikationen möglich wäre.

Gerade bei chronischem Harnverhalt ist der "Bauchdeckenkatheter" in der Regel das Mittel der Wahl. Gegen eine Dauerkatheterisierung durch die Harnröhre sprechen viele Gründe und sie wird eigentlich nur noch im Rahmen von medizinischen Operationen in Kliniken oder wenn eine andere Versorgung vollends ausscheidet angewandt – bedarf also einer klaren und eindeutigen Indikation.

Harnableitung: Nachteile des Harnröhrenkatheters

Im  Zuge der Ausbildung der mukopurulenten Membran (Schleim-Eiter-Straße) in der Harnröhre sind Harnwegsinfektionen und gegebenenfalls Entzündungen der Prostata bei liegendem Harnröhrenkatheter nicht zu vermeiden. Eine Spontanmiktion, d.h. das natürliche Wasserlassen über die Harnröhre ist nicht mehr möglich.

Geschlechtliche Aktivitäten besonders des Mannes wie Masturbation und Geschlechtsverkehr sind ebenfalls nicht mehr möglich. Da dieses Thema gerne tabuisiert wird und die Betroffenen es kaum wagen, darüber zu sprechen, bleibt eine Alternativlösung in Richtung Bauchdeckenkatheter leider häufig unbedacht.

Weitere Nachteile eines transurethralen Katheters sind:

  • bei langer Verweildauer verliert die Blasenmuskulatur an Elastizität und Kraft; das Fassungsvermögen sinkt (Schrumpfblase) und die Anlage einer "Bauchdeckenlösung" muss am Ende verworfen werden, da eine Füllung der Harnblase von mindestens 300 ml erreicht werden muss, damit eine sichere Punktion ohne Verletzung des Peritoneums möglich ist
  • wegen der Gefahr des Staus auf Grund von Verstopfungen oder Abknicken der Schlauchableitung kann es zu weiteren Schäden des Urogenitaltrakts kommen

Gründe für eine "Bauchdeckenlösung"

Wenn keine Kontraindikationen vorliegen ist die suprapubische der transurethralen Harnableitung immer vorzuziehen. Allerdings schreckt die Tatsache des chirurgischen Eingriffs viele Betroffene ab, obwohl es sich dabei um einen Routineeingriff im urologischen Klinikalltag handelt. Die Komplikationen sind sehr gering, aber wie bei jedem Operationseingriff grundsätzlich vorhanden.

Nach der Neuanlage wird die Punktionsstelle noch einige Zeit beobachtet und zunächst verbunden, später wird nur noch im Zuge der Körperpflege mit milder Seife und Wasser gereinigt. Der suprapubische Katheter wird nach etwa sechs Wochen durch den Arzt gewechselt. Danach geschieht der Wechsel in individuell angepassten Intervallen durch geschultes Personal.

In folgenden Fällen ist allerdings eine suprapubische Katheterisierung kontraindiziert:

  • unzureichende Blasenfüllung (Problem kann gegebenenfalls und im Einzelfall durch retrograde Füllung mittels transurethralem Katheter gelöst werden.)
  • vorhandene Harnwegsinfektion
  • Schrumpfblase (s.o.)
  • Blasentumor
  • Hautinfektionen am Punktionsort
  • Schwangerschaft
  • Blutungs- bzw. Gerinnungsstörungen, z.B. bei Marcumarisierung
  • starkes Übergewicht

Vorteile der Harnableitung über die Bauchdecke

  • langfristig deutlich weniger Infektionen
  • bei intaktem Harnröhrentrakt kann der suprapubische Katheter auch vorübergehend abgeklemmt oder abgestöpselt werden, um vielleicht das Wasserlassen wieder bewusst zu trainieren oder
  • geschlechtliche Aktivitäten zu ermöglichen

Beraten Sie Ihre Patienten und Bewohner in diesem Sinne und bedenken Sie auch die geschlechtlichen Bedürfnisse nicht nur junger Menschen.

PS: Qualitätsmanagement ist uns wichtig!

Bitte teilen Sie uns mit, wie Ihnen unser Beitrag gefällt. Klicken Sie hierzu auf die unten abgebildeten Sternchen (5 Sternchen = sehr gut):

Please wait...

Über Ihren Experten

Michael Thomsen