Internat – Patentlösung für Schulsorgen und Erziehungsprobleme?

Internate sind keine Patentlösung für Schulsorgen und Erziehungsprobleme. Aber eine realistische Erwartungshaltung und fachkundige Beratung können vor einer falschen Internatsauswahl und Enttäuschungen schützen.

Wenn nichts mehr hilft, hilft Internat
Dieser Satz ist gerade jetzt wieder oft zu hören. Denn die Halbjahreszeugnisse stehen ins Haus. Die elterlichen Mahnungen anlässlich der knappen Versetzung im letzten Sommer waren wohl mal wieder in den Wind gesprochen. Oder der hoffnungsvolle Nachwuchs zeigt, schon wenige Monate nach der Anmeldung auf dem Gymnasium, deutliche Zeichen von Überforderung.

Da mögen die Internetseiten und Hochglanzprospekte der überwiegend privaten Internatsschulen den im vollen Sinn des Wortes Sorge-Berechtigten vorkommen wie Oasen in der Bildungswüste. Kleinere Klassen, rund um die Uhr einsatzbereite Lehrkräfte, individuelle Lernhilfen, ein geregelter Tagesablauf, Zucht und Ordnung – natürlich versüßt mit einem attraktiven Freizeitangebot – dies alles lässt den Wechsel ins Internat als Patentlösung erscheinen, die im Handumdrehen von allen Schulsorgen und alltäglichen erzieherischen Raufhändeln befreit.

Internate sind keine problemfreien Zonen
Doch Vorsicht! Gar nicht so selten erweisen sich die vermeintlichen Oasen bei näherem Hinsehen als trügerische Luftspiegelungen. Auch Internate, so weiß der unabhängige Internatsberater Peter Giersiepen, haben "Ausfallraten, deren Höhe im Übrigen zu den am besten gehüteten Geheimnissen" gehörten. 

Und der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Heiner Barz sieht sich veranlasst, "Fragezeichen an der heilen pädagogischen Welt" anzubringen. Internate würden "keineswegs von Alkohol- und Drogenproblemen verschont" und es sei ein "offenes Geheimnis,  dass der selbstlose pädagogische Idealist, der neben seinem Unterricht auch noch die Rund-um-die-Uhr-Betreuung einer "Familie" von bis zu zehn pubertierenden Jungen oder Mädchen problemlos meistert", immer seltener werde.

Schon wer aufmerksam die Tagespresse verfolgt, wird darauf gestoßen, dass viele Gewissheiten der Internatswerbung einer kritischen Nachprüfung nicht standhalten. Kleine Klassen, das belegt inzwischen schon die dreihundertfünfzigste "aktuelle Studie", führen eben nicht zu besseren Schulleistungen. Und mit den "ausgewählten Lehrkräften" ist es auch so eine Sache.

Auf einem leergefegten Lehrerarbeitsmarkt, insbesondere in den Mangelfächern, fischt der Staat nicht nur die Besten ab. Private Anbieter arbeiten, wie schon in früheren Zeiten, bereits wieder mit Umschülern aus pädagogikfernen Berufssparten.

Die letzten Illusionen verliert man beim Lesen von Erfahrungsberichten ehemaliger Internatsschüler. "Ich kam im Alter von 14 Jahren nach Ising aufgrund zwei fünfer in meinem Zeugnis" ist da zum Beispiel im Verbraucherportal "Ciao" zu lesen. "Nach einem halben Jahr in Ising hatte ich daraufhin insgesamt acht fünfen, die ich zwar alle wieder wegbrachte, aber die Hoffnung vieler Eltern, ihre Kinder würden in Ising "zur Besinnung" kommen und dazu gute Noten, möchte ich hiermit allgemein erst einmal zerschlagen!"

Gute Beratung schützt vor Enttäuschungen
Um nicht blauäugig in die Fallen der Internatswerbung zu tappen, sollten Eltern sich sachkundig beraten lassen. Um die zahlreichen Agenturen für Internatsvermittlung, die eine Auswahl der vermeintlich "führenden", "renommiertesten" und "bekanntesten" Internate präsentieren, darf man allerdings getrost einen großen Bogen machen.

Sie lassen sich ihre guten Ratschläge nämlich von den empfohlenen Instituten versilbern oder werden von den Internaten und Privatschulverbänden eigens unterhalten, um plumpes Eigenlob als fachliche Beratung zu tarnen.

Unabhängige Berater findet man unter dem Suchbegriff "Internatsberatung" relativ leicht im Internet. Allerdings sollte man darauf eingestellt sein, dass Internate hier nicht als Patentlösung für Schul- und Erziehungssorgen präsentiert, sondern Für und Wider unterschiedlicher pädagogischer Konzepte sorgfältig erwogen werden. Zudem ist die Beratung zum Teil honorarpflichtig.

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Veröffentlicht am 18. Februar 2011
Autor
Ulrich Lange