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Zeichnen lernen = Sehen lernen: Turnübungen für das Auge

Lesezeit: 3 Minuten Wenn die Grundhaltung nicht stimmt, helfen Ihnen kein Schweiß und kein Fleiß. So im Sport und bei Turnübungen. So auch beim naturgetreuen Zeichnen. Üben Sie ein bisschen und Sie werden viel erreichen!

3 min Lesezeit
Zeichnen lernen = Sehen lernen: Turnübungen für das Auge

Zeichnen lernen = Sehen lernen: Turnübungen für das Auge

Lesezeit: 3 Minuten

Das Auge des Künstlers

Treten wir in einen Raum, dann schauen wir im ersten Moment „alles“ an. Unsere Aufmerksamkeit ist auf keinen Bereich konzentriert. Das ganze Zimmer ist erfasst. Alles ist im Blick, obgleich oberflächlich und mehr oder weniger diffus. Im Bruchteil einer Sekunde fokussiert sich das Bewusstsein aber schon auf einem Gegenstand.

Und dann scannen unsere Augen die einzelnen Menschen, Möbelstücke, Gegenstände ab und registrieren sie. Beobachten Sie Ihren Augenapfel. Ständig bewegt er sich in kleinen ruckartigen Bewegungen, registriert etwas, fokussiert auf einem Detail und bewegt sich dann weiter. Ein gleichsam pulsierendes Abscannen.

So war es ja mit der Symbolreihe im vorigen Beitrag. Sie sehen zwar gleich die ganze Leiste, aber Ihr natürlicher Blick bewegt sich in kleinen ruckartigen Bewegungen zunächst an den Symbolen entlang und bleibt dann bei dem einen oder anderen Symbol länger stehen, das anschließen in seinen Details betrachtet wird, beispielsweise den Augen eines Smilie. Unser gewöhnliches Sehen ist eben analytisch.

Das Gegenteil aber müssen wir üben. Wir müssen zurückkehren zum ursprünglichen Blick des ersten Sekundenbruchteils, jenem Blick, der die Bestandaufnahme von allem macht, was überhaupt da ist. Mit einem klugen Wort könnte man diesen allumfassenden Blick als einen „synoptischen Blick“ beschreiben.

Dieser Blick ist ruhig, unbeweglich. Der Augapfel bewegt sich nicht, zugleich erweitert sich das Blickfeld auf mehrere Elemente zugleich. In diesem Bruchteil einer Sekunde entscheidet sich, ob Sie mit dem „Auge eines Künstlers“ oder mit dem Auge eines „Ottonormalverbrauchers“ die Welt betrachten. Das Auge des Künstlers hat eine andere Grundhaltung.

Grundhaltung ist alles

Wie im Sport, so auch bei vielen anderen Tätigkeiten ist die korrekte optimale Grundhaltung eine Voraussetzung für den Erfolg. Wer Reiten, Boxen oder Tanzen lernt oder anfängt Gitarre oder Klavier zu spielen oder einen Unterricht im chinesischen Malen oder mit der Töpferscheibe besucht, dem wird es auffallen, das der Lehrer oder Trainer anfangs kaum auf die Ergebnisse achtet. Ihm geht es um die richtige Haltung der Beine, der Hände, des Rumpfes, der Finger usw.   Haltung ist Grundvoraussetzung in vielen Dingen! Die Leistung wird erst später interessant.

Nun bieten viele Zeichenlehrbücher oft die folgenden Übungsaufgaben an: „Zeichnen Sie die Räume zwischen den Gegenständen“, „Verbinden Sie die Gegenstände mit gedachten Verbindungslinien“ oder „Zeichnen Sie nur die Umrisse der Gegenstände ohne ihren Inhalt“ oder „Zeichnen Sie nur die Schatten der Gegenstände und sonst nichts“.

Diese und ähnliche Übungen laufen alle auf das gleiche hinaus. Zunächst scheinen sie willkürlich und nicht sehr sinnvoll zu sein, tatsächlich aber dienen sie als Übergänge vom „Ottonormalverbraucherblick“, der die Gegenstände als solche registriert, zum „Künstlerblick“ der alle Beziehungen und Zusammenhänge der Dinge erfasst. Die Wiederholung solcher Übungen führt allmählich zur veränderten Sehverhalten.

Allein, einsam und verlassen

Nun aber kommt ein kleines Problem auf uns zu: Ein Sportlehrer könnte Sie an der Hand nehmen und Sie in die Grundhaltung stellen. Ein Zeichenlehrer kann dies nicht. Er kann es nur mit vielen Worten beschreiben. Aber das Verstehen liegt bei Ihnen, und zwar aufgrund eigener, innerer Seherfahrung. In dieser Hinsicht sind Sie nun ganz auf sich allein gestellt, einsam und verlassen.

Die folgende Übung ist absichtlich elementar einfach. Es geht darum, die Erfahrung des „Künstlerblickes“ noch einmal in reiner Form zu erleben. Eine anstrengende und unangenehme „Turnübung“ für das Auge, wie beim sportlichen Spagat. Aber es lohnt sich!

  1. Schauen Sie auf die gesamte Fläche. Schauen Sie so, dass Ihre Augen spürbar stehen bleiben. Alle Punkte sind gleichzeitig im Blickfeld. Gut, wenn Sie das Gesamtmuster der Punktverteilung „synoptisch“ erfassen. Es ist anstrengend. Einige Sekunden reichen!
  2. Wählen Sie zwei Punkte. Schauen Sie beide zugleich an. Die Mitte des Blickfeldes liegt zwischen Ihnen. Versuchen Sie es dann mit weiteren Paaren, vor allem den voneinander weit entfernten Punkten. Halten Sie den Blick einige Sekunden stabil.
  3. Wählen Sie drei Punkte. Stabilisieren Sie Ihren Blick auf diesen drei Punkten gleichzeitig. Mental sehen Sie gleichsam unsichtbare Dreiecke. Wählen Sie beliebige weitere 3 Punkte, vor allem weit entfernte, auch wenn zwischen ihnen andere Punkte liegen.
  4. Wählen Sie einen Punkt. Diesen Punkt verbinden Sie mit jeden anderen Punkt auf der Fläche. Aber genauso wie früher darf der Augapfel sich nicht bewegen. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Punkten bestimmt und kontrolliert gleichsam ein anderes inneres Auge. Das materielle Auge steht still.

Alle Achtung und herzlichen Glückwunsch, wenn Sie diese „Turnübung“ absolviert haben!

Bildnachweis: Wayhome Studio / stock.adobe.com

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