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UNERWÜNSCHT – die drei Geschwister Mojtaba, Masoud & Milad in Deutschland

Lesezeit: 5 Minuten Das Buch „UNERWÜNSCHT - Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte“ zeichnet aus drei Perspektiven drei fesselnde Lebenswege, zu einer zeitgeschichtlichen Dokumentation verwoben. Das Buch aus dem Hause Blomsburry/Berlin ist 2012 erschienen, aber ist aktueller denn je, brisant, aber auch heiter. Leicht zu lesen aber keine leichte Kost.

5 min Lesezeit

Autor:

UNERWÜNSCHT – die drei Geschwister Mojtaba, Masoud & Milad in Deutschland

Lesezeit: 5 Minuten

"Flüchtlingsboot mit 300 Insassen vor der italienischen Küste gekentert", "Tod im Mittelmeer", „Mazedonien erklärt Ausnahmezustand wegen Flüchtlingskrise“. Leitartikel wie diese ergreifen unsere Welt. Eine Italienerin hat nun ihr Land verlassen: "Ich kann die täglich im Meer treibenden Toten nicht mehr ertragen, darunter sind auch oft Kinder." Das tief ins Mittelmeer hineinreichende Land ist oft erster Anlaufpunkt für Menschen auf der Suche nach einem Leben ohne Krieg und Gefahr. Viele erreichen jedoch nie die Küste. Suchen seinerseits nun die Regierungen der EU nach einer gemeinsamen Lösung?

UNERWÜNSCHT

Das Buch der Geschwister Sadinam, aktueller denn je, legt den Finger in die Wunde.

Der deutsche Alltag eines, aus seinem Heimatland Geflohenen: alles
andere als einfach. Dort von Krieg bedroht oder politisch verfolgt –
hier ausgegrenzt, verachtet und von Abschiebung heimgesucht versuchen
Menschen sich einzufinden, ihren Weg und ihr Leben erst einmal
provisorisch zu gestalten.

Madar Sadinam und ihre Söhne
erkämpften sich in 16 Jahren Deutschland den Status sogenannter "Vorzeigemigranten" – deutsche Behörden nennen das "gelungene
Integration". Hardliner im Windschatten des Politikers Thilo Sarrazin
(Deutschland schafft sich ab) hingegen fahren harte Geschütze auf: "Integrationsverweigerung"! Und: "Asylsuchende – eine Ansammlung migrantischer Communitys von Parallelgesellschaft". Das Buch
dokumentiert nun das wahre Leben einer Flüchtlingsfamilie.

Für Madar – ihre Mutter

Sich im Iran mittels Flyern für die Menschenrechte stark zu machen wird dort mit Gefängnis geahndet. Als Madar Sadinam durch ihre Mithilfe bei einer Flugblattaktion an die Grenzen dieser Politik stößt, bleibt nur noch die Flucht. Ohne Chance eines Lebens in Freiheit für sich und ihre Kinder verlassen sie mit gefälschten Pässen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Heimat – flüchten nach Deutschland – landen im Auffanglager Münster – es ist das Jahr 1996.

Jetzt haben die drei Brüder Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam mit "UNERWÜNSCHT" ein Werk vorgelegt, dass keinen Zweifel an den oft brutalen Zuständen lässt, die Flüchtlinge in Deutschland durchleben müssen, um ankommen zu dürfen.

Abschied – Mojtaba erzählt

Unsere Mutter sagte, "der
Mann hat uns fotografiert, weil wir neue Pässe brauchen. Wir verlassen
den Iran. Weil dieses Regime unser Leben zerstört." Nach langem
Ausharren in einer Notunterkunft bei Bekannten verlässt die Familie im
Morgengrauen die Stadt. Ein heißersehntes Kinderfest, das für den
kommenden Tag geplant war – die Gefährte waren fertiggebaut, der Hof
bereits geschmückt – konnte nicht mehr stattfinden, erinnert sich einer
der drei Brüder.

Die Mutter hatte in Windeseile noch schnell die
roten Holzscheiben zusammengeklaubt, die die Kinder für das anstehende
Wagenrennen gebastelt hatten. Der schlagartige Aufbruch hatte das
provisorische Leben im Refugium durcheinander gewürfelt – nun der
Aufbruch in eine noch ungewissere Zukunft.

"Da die Straßen noch
leer waren, erreichten wir schnell den Flughafen. In der Empfangshalle
erwartete uns ein Mann mit Anzug und Hemd. Er nickte Madar zu und zog
sie zur Seite. Einige Schritte entfernt unterhielten sie sich
konzentriert.

Als sie fertig waren, sagte Madar: "Das ist Agha
Reza." Sie deutete mit dem Kopf in seine Richtung. "Er wird uns nach
Deutschland bringen. Batscheha, es ist sehr wichtig, dass ihr euch alles
merkt, was ich jetzt sage." Sie schaute uns nacheinander in die Augen,
wir nickten. "Agha Reza wird sich als mein Ehemann und euren Vater
ausgeben. Er hat die Pässe dabei und wir werden den Beamten sagen, dass
wir gemeinsam in den Urlaub fliegen. Wenn wir im Flugzeug sind, haben
wir es endlich geschafft!

Mojtaba:

"Madars Worte fielen mir ein: Dieses Land Iran ist nicht gut für euch. Aber würde Deutschland besser für uns sein? Als das Flugzeug mit einem jähen Ruck abhob, hielt ich die rote Scheibe fest in meiner Hand. Es führte kein Weg mehr zurück … in wenigen Stunden würden wir in Deutschland landen. Und Fremde ohne ein Zuhause sein."

Ankunft – Masoud erzählt:

Erstes Auffanglager: Münster.
Von nun an zeichnen Gemeinschaftsunterkünfte, Asylbewerberheime und
dreckige Baracken den Weg der iranischen Familie.

"Irgendetwas
stimmte nicht: Milad, Mojtaba und Madar saßen stumm da. Auf dem Tisch
lag ein Brief, der sehr offiziell aussah. Ein Blick auf den Briefkopf
verriet, worum es ging.

Wir hatten endlich eine Antwort vom
Bundesamt erhalten, das darüber entschied, ob wir in Deutschland bleiben
durften. Ich beugte mich über den Brief und versuchte herauszufinden,
was drinstand. Ich hatte immer noch große Probleme mit meinem Deutsch,
aber eines verstand ich sehr gut: "ASYLANTRAG ABGELEHNT."

Im
Wettlauf mit den Behörden gegen die Abschiebung in den Iran, der Milad
mit Gefängnis drohte, bieten engagierte deutsche Mitbürger immer wieder
Hilfe für Mutter und Kinder.

Als irgendwann eine Notunterkunft
zum ersten Mal Zufluchtsort zu werden scheint, dringt in der Nacht die
Polizei dort ein, um die Familie zurück in den Iran abzuschieben. Ein
Selbstmordversuch der Mutter setzt den Endpunkt aller Anstrengungen und
Kraft.

Abgeschoben – Mojtaba erzählt

"Es war die blanke Wut, die mich gepackt und meine Faust gegen die Wand hatte schlagen lassen. Madars tränenüberströmtes Gesicht, die Tablettenschachtel, eine Überdosis Schlafmittel – ich meinte zu wissen, wer daran schuld war. "Wir werden Ihnen jeden Grund nehmen, hierbleiben zu wollen", hatte der Sachbearbeiter der Ausländerbehörde gesagt. Sie wollten uns das Leben so lange zur Hölle machen, bis wir uns bereitwillig abschieben ließen. Als sie Madar die Ausbildung verboten und damit ihre letzte Hoffnung auf eine bessere – eigentlich überhaupt auf eine Zukunft nahmen, erreichte die Zermürbungstaktik ihren Höhepunkt.

Das Loch in unserer Wand hätte eigentlich in die Wand der Ausländerbehörde gehört. Ich wollte Madar rächen, ihnen die Qualen der letzten Jahre heimzahlen. Aber was hätte es gebracht? Jeder Beamte, jeder Richter, jeder Sachbearbeiter trug nur einen Teil zum Ganzen bei. Keiner von ihnen war unschuldig, aber auch niemand allein verantwortlich für unsere Situation. Jeder behauptete, "ja nur seine Arbeit" zu tun. Es war die perfekt organisierte Verantwortungslosigkeit."

Aufstieg und Richtungsänderung

In ihrem autobiografischen Buch beschreiben die drei Autoren den harten Kampf um Anerkennung und Erfolg. Mojtaba wird Stipendiat der Vodafone Stiftung und studiert an der Otto Beisheim School of Management in Vallendar. Masoud beginnt mit Hilfe der Begabtenförderung das Studium an der Jakobs University in Bremen, Milad geht als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes an die Instrumental University Bruchsal.

An diesen Orten erkämpfen sich die Geschwister allen Zwängen zum Trotz den Aufstieg zu, von den Medien gehypten Vorzeigemigranten. Bis es in Mojtabas Universität zum Eklat kommt.

Masoud und Mojtaba erzählen

Als Masoud mit der Autorin
Julia Friedrichs über seine Erfahrungen in der Welt der "Elite von
Morgen" spricht und die Privatuni kritisiert, die kaum Raum zum eigenen
Denken oder kritischem Hinterfragen ließe, bahnt sich eine
Richtungsänderung an.

Und als Kommilitonen und
Universitätsleitung ihn fortan als "Nestbeschmutzer" betiteln, bricht
Masoud sein Studium ab. Auch die beiden anderen Brüder merken, dass das
Gleiche für sie gilt: auch sie haben in der Welt der Privatunis nichts
verloren.

Mojtaba:

"Ich rief Masoud an, seufzte. "Nein, um ehrlich zu sein, geht’s mir beschissen." "Warum denn ? Was ist passiert?" Ich wollte antworten, aber er fügte schnell hinzu: "Sag nicht, dass es etwas mit dem Buch zu tun hat." "Doch, hat es. Die haben alles gelesen. Viele sind sauer." Seine Antwort hatte ich erwartet: "Komm nach Hause."

"Ich ging wieder zu dem Bild an der Wand. An seinem Rahmen klebte etwas: meine rote Scheibe, die mir Madar am Abi-Tag gegeben hatte. Ich zog sie vorsichtig ab und steckte sie in die Hosentasche."

Madar hatte vor der Flucht aus Teheran und als Trost für das ausgefallene Kinderfest die handgebastelten roten Holzräder noch schnell zusammengeklaubt, von denen er noch heute eins in seinem Studentenzimmer aufbewahrte.

"Wir haben es satt, als Kronzeugen für diese Lüge herzuhalten", sagte Mojtaba dem SPIEGEL. "Politiker führen uns als Vorzeigemigranten vor. Aber wir sind nicht klüger und fleißiger als andere, die gescheitert sind." Und Masoud ergänzt: "Dem deutschen Staat schulden wir keinen Dank. Deutschland wollte uns loswerden.“

Es musste zum Eklat kommen, denn der Elitestudent ist auch ehemaliger Flüchtling. Ein in Deutschland Ausgegrenzter. Einer, der sich trotz aller Widerstände einen Platz in der sogenannten Elite erkämpfen konnte. Und einer, der diese Welt hinterfragen würde.

Nach neun Jahren der Angst und der Änderung des Asylgesetzes erlangen Madar und ihre Kinder endlich die erhoffte Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland, in einem Land, das sie "nicht haben wollte".

Lesen Sie mehr Buchrezensionen von Katti Mieth auf Experto.de und Suite101.de.

Quelle: Lektüre von "UNERWÜNSCHT – drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte".

 

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