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Fallbeispiel: Sven hat ADS – Wie seine Familie damit umgeht

Lesezeit: 5 Minuten Familie Ahnerts Kinder, Sven und Svenja, sind zwei Jahre auseinander. Svenja zeigte nur als Kleinkind kurzzeitige Entwicklungsprobleme, die Schule meisterte sie gut. Nicht so Sven, der seinen Eltern seit der Einschulung sehr viele Sorgen bereitete und über Jahre immer schlechtere Leistungen zeigte, bis sie nicht mehr weiterwussten, sich Rat holten und von einem magischen Wort hörten: ADS bzw. ADHS.

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Fallbeispiel: Sven hat ADS – Wie seine Familie damit umgeht

Fallbeispiel: Sven hat ADS – Wie seine Familie damit umgeht

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Situation der Familie

Die Berliner Familie Ahnert hat zwei Kinder, Sven und Svenja, die zwei Jahre auseinander sind und sich unauffällig entwickelten. Nur einmal zeigte die Tochter kurzzeitig Probleme, als sie zu Beginn des Kindergartenbesuchs eine Art Entwicklungsrückfall bekam und heftig zu stottern begann, viele Worte wieder vergessen hatte, die sie bereits beherrschte und vorübergehend wieder unsauber war. Eine Ursache fand der Kinderarzt nicht, aber nach sechs bis acht Wochen war der Rückfall im Wesentlichen überwunden. Die restlichen Störungen verschwanden im Laufe der Zeit wieder völlig. Auch die Schule meisterte Svenja später gut. Sven aber zeigte seit dem Moment der Einschulung plötzlich gravierende Probleme, die Mutter und Vater Ahnert, beide Akademiker, nicht erwartet hätten.

Normale Kleinkindentwicklung nährt manchmal falsche Hoffnungen

Die Eltern hatten noch bis zum Zeitpunkt von Svens Einschulung den Eindruck, ihr Sohn wäre reif für die Schule. Damit ihr Kind den Anforderungen der Zukunft besser gewachsen wäre, meldeten sie es, nachdem schon die Kindereinrichtung mit zusätzlicher Sprachausbildung (spanisch) gekoppelt war, in einer sprachbetonten Europaschule an, wo auch Spanisch frühzeitig gelehrt wurde (Ganztagsschule mit Unterstufe und bilingualem Unterricht bei Sekundarstufe I und II, und ab Klasse 5 verstärkter Sprachunterricht). Denn Sven interessierte sich besonders für Bücher, für Vorlesen, Erzählen und Geschichten aller Art, die er über alles liebte. Kein Abend verging, ohne dass ihm nicht etwas erzählt oder vorgelesen wurde. Er konnte nicht genug davon hören.

Das nährte die Erwartung, dass der Sohn sich auch in der Schule schnell zurechtfinden würde. Doch sein Interesse für Bücher hielt nur solange an, bis Sven in die Schule ging. Bis dahin war er begierig auf jedes neue Buch gewesen. Er sog förmlich die Worte der Eltern in sich hinein und konnte das Buch bald Wort für Wort mitlesen – aus dem Kopf. Völlig ohne jeden Buchstaben. Er merkte sich den Text eines gesamten Buches. Und wenn ein Wort nicht stimmte, protestierte er sofort. Kein Wunder, dass die Eltern zuversichtlich waren und keinerlei Angst vor dem Schulbeginn von Sven hatten.

Typische Fehleinschätzung der Eltern

Sie hatten geglaubt, Sven würde nun selbst lesen wollen und dies auch schnell erlernen. Aber es kam anders und der Junge zeigte immer weniger Interesse daran, je länger er die Schule besuchte. „Wie soll das zusammenpassen?“, fragte sich Mutter Ahnert fassungslos. „Was ist passiert, dass unser Sohn plötzlich jedes Interesse an Büchern und Lesen verloren hat?“ Eine Antwort fanden die verwunderten Eltern nicht. Es blieben nur die bangen Fragen zurück, weil ihr Schulkind sich nicht so entwickelte, wie sie es erwartet oder von ihrer eigenen Jugend in Erinnerung hatten.

Ihnen war die Schule leicht gefallen. Sie hatten beide keinerlei Probleme gekannt bei der Bewältigung schulischer oder später studentischer Lernaufgaben. Kennengelernt hatten sich die Ahnerts während des Studiums an der Uni als Kommilitonen des gleichen Studiengangs, allerdings in unterschiedlichen Jahrgängen. Mit diesem Hintergrund glaubten sie, die besten Voraussetzungen mitzubringen, um auch ihren Kindern gute Startbedingungen mitzugeben. Aber sie täuschten sich. Sven brachte mit der Einschulung plötzlich so viele Probleme aus der Schule mit, wie sie sich nie vorgestellt hätten.

Ist die Misere des ersten Schuljahres noch in den Griff zu bekommen?

Dabei zeigte sich die Misere im Laufe des ersten Schuljahres noch nicht einmal so deutlich, weil es noch keine Zensuren gab. Bislang konnten sich die Eltern keine genauere Vorstellung davon machen, wie ihr Sohn in der Schule zurechtkam, weil er ihnen nichts davon berichtete. Aber sie sahen schon, dass Sven kein Interesse für die Schule aufbrachte, dass er immer weniger Lust auf Schule hatte und stattdessen die Wochenenden herbeisehnte, um den „Schulballast“ wieder abstreifen zu können.

Jedes Wort musste die Mutter ihm mühevoll aus der Nase ziehen, wenn sie etwas aus der Schule wissen wollte. Sven antwortete nur sehr wortkarg und wenn einer nach dem Lehrstoff, dem Elternabend, dem Sportbeutel oder Diktat fragte, konnte er nie eine konkrete Antwort geben. „Weiß ich nicht!“, war seine häufigste Antwort.

Sven schien zwar zur Schule zu gehen, aber nicht richtig anwesend zu sein. Als ob er das Ganze nicht richtig wahrnehmen würde, nur irgendwie mechanisch absolvierte, aber völlig ohne Herz und Hirn. Er wollte immer nur eins: spielen. Sven brachte heimlich seine Stofftiere im Ranzen mit, um beim Mittagsschlaf daran zu nuckeln oder seine neusten Spielzeuge, um sie den Mitschülern zu zeigen. Sein Interesse an Schule war sehr klein. Er schien noch nicht wirklich verinnerlicht zu haben, dass er nun ein Schulkind war. Bei einem längeren Elterngespräch hörten die Ahnerts das erste Mal von Svens gravierenden Schwierigkeiten.

Wenn die Ahnung bleibt, dass es größere Schulprobleme gibt

Langsam ahnten die Eltern, dass es größere Probleme gab, dass Sven die Schule nicht so begreifen und bewältigen würde, wie es nötig wäre und wie sie es von sich selbst gekannt hatten. Während sie selbst am Ende des ersten Schuljahres das Lesen und Schreiben in seinen Grundzügen beherrschten und ihre Noten, insbesondere die der Mutter, von Anfang an blendend waren, zeigte Sven kaum Fortschritte oder nennenswerte Ergebnisse. „Was, wenn es erst für seine Leistungen Noten gibt?“, fragten sie einander sorgenvoll.

Warum ihr Sohn so anders als sie war und die Schule einfach nicht ernst nahm und immer noch lieber spielte, blieb ihnen ein Rätsel und sie suchten nach Lösungen für dieses Phänomen. Und weil Mutter Ahnert seit geraumer Zeit eine neue Arbeit aufgenommen hatte, organisierte sie extra für die Zeit zwischen Schulschluss und ihrem abendlichen Eintreffen eine zusätzliche nachschulische Betreuung, die Sven auch bei den Schulaufgaben helfen sollte. So hofften die Eltern, dem Schulproblem beizukommen und Fortschritte zu erzielen, aber auch diese Anstrengungen blieben erfolglos. Sven kam nur in Trippelschritten voran.

Ist ein Rückstufungsantrag die Lösung?

Da das erste Zeugnis am Jahresende noch immer keine Noten enthielt und die verbale Beurteilung nicht negativ ausfiel, blieb noch immer die Situation des Sohnes unscharf. Klar wurde es Ahnerts erst beim Elterngespräch, wo die Lehrer bestätigten, dass Sven große Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen hätte und dass ihm heute Gelerntes morgen wieder komplett aus dem Gedächtnis zu entschwinden drohe, dass in der Summe die Leistungen nicht dem entsprächen, was ein Schulkind am Ende der ersten Klasse beherrschen müsste.

Vielleicht, so suchten Ahnerts nach Gründen, war ihr Sohn doch noch zu jung für die Schule gewesen. Tatsächlich fiel seine Einschulung in jene Vorverlegung des Einschulungsalters um ein halbes Jahr, was Berlin seit 2005 eingeführt hatte. Zugleich gab es mit einigen Ausnahmen (Extremfälle) praktisch keine Chance mehr zu einer Rückstufung.

Nachdem sich in den Jahren danach gezeigt hatte, dass es immer mehr Kinder gab, die die erste Klasse noch einmal wiederholen mussten, lockerte man dieses Gesetz 2010 wieder und ließ seitdem auch wieder Rückstufungen der Einschulung zu. Für Sven allerdings gab es diese Regelung noch nicht und auch, wenn er zu den Allerjüngsten der Klasse gehörte, was seine Situation noch erschwerte, konnten seine Eltern den Antrag auf Rückstufung bzw. Wiederholung von Klasse eins nicht durchsetzen.

Der Direktor lehnte ihr Gesuch rundheraus ab. Es sei noch viel zu früh, um darüber derart einschneidend zu befinden. Man sollte Sven eine zweite Chance geben und schauen, wie er sich in Klasse zwei entwickeln würde. Zum anderen erginge es einem Großteil der Mitschüler ähnlich und er müsste dann alle diese Schüler zurückstufen, was nicht anginge. Das Wort des Direktors verfügte, dass Sven trotz seiner Probleme die zweite Klasse begann.

Wie es mit Sven weitergeht und wie er sich in der zweiten Klasse entwickelt, lesen Sie in dem Artikel „Fallbeispiel ADS: Svens Entwicklung ab Klasse 2„.

Lesen Sie mehr in der Artikelserie „ADS, ADHS – wie damit umgehen?“

Bildnachweis: Nicole Effinger / stock.adobe.com

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