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Fallbeispiel ADS: Svens Entwicklung ab Klasse 2

Lesezeit: 4 Minuten Wie zu erwarten, entwickelte sich Sven Ahnert in Klasse 2 nicht anders bzw. eher noch langsamer als in der ersten Klasse, in der es noch keine Noten gegeben hatte. Die Eltern wussten nicht mehr weiter und schalteten professionellen Rat ein. Dort hörten sie das erste Mal von ADHS und von Therapiemöglichkeiten. Aber sie zögerten noch, ob sie dem Jungen täglich Medikamente geben sollten.

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Fallbeispiel ADS: Svens Entwicklung ab Klasse 2

Lesezeit: 4 Minuten

Die Befürchtungen der Eltern bestätigen sich in Klasse 2
Erwartungsgemäß wurden auch in der zweiten Klasse die Probleme mit Sven nicht kleiner, stattdessen wuchsen die Sorgen von Familie Ahnert von Tag zu Tag. Die Nerven der Eltern lagen blank und sie selbst stürzten schon in ein seelisches Tief, weil sie keine Lösung für die Situation des Sohnes sahen. Erst recht nach dem Halbjahreszeugnis, dem ersten Zeugnis mit Noten, in dem sich die Misere von Svens Leistungen nun auch in miserablen Zensuren offenbarte, die die Versetzung gefährdeten. 

Ahnerts fanden nunmehr alle ihre Befürchtungen bestätigt, weshalb sie Sven eigentlich zurückstufen wollten: seine Unreife, seine Verspieltheit, die sich in den Noten widerspiegelte, sein Desinteresse. Der Junge hatte noch immer nicht begriffen, wozu er in der Schule war. Und seine Stofftiere wanderten immer noch im Ranzen mit, was nicht mehr zu einem Schulkind passte. Kurz vor Ende des zweiten Schuljahres verzweifelten die Eltern des Kindes beinahe. Die Mutter machte sich die größten Sorgen und Vorwürfe, dass sie wieder arbeiten gegangen war, keine Zeit gehabt hatte, dass sie das Kind nicht gut genug betreut hätte, obwohl sie extra noch eine außerschulische Betreuung nach der Schule arrangiert und finanziert hatte.

Diagnose ADS oder ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom
Irgend etwas musste sie doch falsch gemacht haben, glaubte die Mutter nun felsenfest und fühlte sich selbst am Ende ihrer Kräfte, weil sie keinen Ausweg sah. Auch ihr Mann konnte sie nicht genügend beruhigen, der alles nicht ganz so dramatisch wie sie sah. In Ihrer Not ging sie schließlich zum Kinderpsychologen, der sich viel Zeit für ihr Kind nahm. Hier hörte sie dann das erste Mal von den Wörtern "ADS" und "ADHS" (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Es folgten mehrere Gespräche und Tests. Allein diese Gespräche schienen der Mutter gutzutun, weil sie sich damit zu einem gewissen Teil vom Gefühl der Ausweglosigkeit und Schuld, die sie auf sich geladen geglaubt hatte, entlastet fühlte.

So hörte sie nun, dass es nicht an ihr gelegen hätte, sondern dass es vielmehr nach anderen Gründen aussähe, die durch verschiedene Untersuchungen und Tests den Verdacht auf ADS erhärteten. ADS – dieses Wort hatte auf einmal eine magische Bedeutung für sie. Sie hörte auch, dass es Möglichkeiten einer Therapie gäbe, allerdings verbunden mit täglichen Medikamenten-Gaben (Stimulantien), was die Mutter zunächst strikt ablehnte. Sollte sie dem Kind bereits in diesem zarten Alter derartige Medikamente zumuten? Sie konnte die Entscheidung noch nicht treffen und vereinbarte mit dem Psychologen, dass man zunächst Svens weitere Entwicklung beobachten solle, ehe man über diverse Medikamente entscheiden würde.

Versetzung trotz schlechtester Noten?
Als das zweite Schuljahr herum war, gab es das erwartete miserable Jahresendzeugnis und die Eltern standen erneut kurz vorm Verzweifeln. Sie konnten es immer noch nicht fassen, dass ihr Sohn derart schlechte Ergebnisse erzielte, die so gar nicht zu ihrer eigenen erfolgreichen Karriere passen wollten. Erneut beantragten Sie ein Gespräch mit dem Direktor, ob es Sinn mache, ihren Sohn weiterhin in die Sprach-Gesamschule und Europaschule zu schicken, die sie für ihren Sohn gewählt hatten, wo es noch höhere Anforderungen zu bewältigen galt, als in einer einfachen Schule. Auch dieses Mal (wie schon am Ende der ersten Klasse) erfuhren sie eine abschlägige Entscheidung vom Direktor, eine Änderung irgendeiner Art für Sven vorzusehen. Noch einmal verwies die Schulleitung darauf, dass Sven nicht das einzige Kind sei, welches mit jenen Problemen zu kämpfen habe, die mit ADS bzw. ADHS verbunden seien.  

Zudem könne die Schule nicht alle ADS-Kinder, die fast die Hälfte der Klasse ausmachten, nach Hause schicken. Sie würden unter dem Hinweis, dass das Kind davon betroffen sei, gewisse Rücksicht bei der Benotung nehmen, weil sie die Erfahrung hätten, dass sich die diversen Entwicklungsverzögerungen später abschwächen würden. So ordnete der Direktor auch dieses Mal die Fortsetzung der Schule an und ließ die Eltern mit ihren Sorgen in die Sommerpause gehen. Sven wurde trotz schlechtester Noten in Klasse 3 versetzt.

3. Klasse – und immer noch Probleme mit dem Lesen, Schreiben, Rechnen?
Sven besuchte nun Klasse 3 der Europaschule, die auf Sprachen spezialisiert war, aber entsprechend lesen, schreiben und rechnen konnte er immer noch nicht. Jetzt hagelte es immer mehr schlechte Noten. In den langen Sommerferien war das geringe Wissen, was er vorher angesammelt hatte, wieder völlig aus dem Gedächtnis entfallen. Er schien wie von vorne beginnen zu müssen und schrieb eine Versagerarbeit nach der anderen. Obwohl die Mutter mit Sven vor jeder Arbeit fleißig geübt hatte und Sven zu Hause die Aufgaben lösen konnte, waren in der Schule alle Aufgaben falsch. Nichts vom Gelernten schien sich unter Druck anwenden zu lassen oder war komplett wieder verlorengegangen.

Doch nun kam auch noch der zusätzliche Sprachunterricht in Spanisch dazu. Wie sollte ihr Sohn dies nur bewältigen, fragten sich Mutter und Vater Ahnert. Sie hatten keine Ahnung, wie das funktionieren sollte. Wenigstens wussten die Lehrer, dass Sven ein ADS-Kind war und nahmen tatsächlich gewisse Rücksicht darauf. Aber Fortschritte machte Sven dadurch nicht.

Beispielwirkung anderer Eltern kann bei eigener Entscheidungsfindung helfen
Über verschiedene schulische Veranstaltungen kamen sich die Eltern der Kinder ein wenig näher und tauschten sich über die Probleme ihrer Kinder aus. Dabei erfuhr Familie Ahnert, das andere Eltern dieselben Erlebnisse durchkämpften wie sie auch, und dass sich inzwischen einige Familien von Kinderpsychologen unter die Arme greifen ließen. Dabei vertraten sie unterschiedliche Meinungen: die einen nahmen längst Medikamente zur Konzentrationsunterstützung und berichteten von guten Erfahrungen.

Andere legten ihren Schwerpunkt auf Nachhilfe und empfahlen, diese unbedingt jetzt einzusetzen, um die Lücken nicht noch größer werden zu lassen, die sich inzwischen im Kopf des ADS-Kindes gesammelt hätten. Jetzt beschloss Mutter Ahnert, einen weiteren Anlauf beim Kinderpsychologen zu nehmen und ließ die angekündigten und noch fehlenden Tests mit Sven durchführen und wartete nun ungeduldig auf die Auswertung.

Stimulantien und Langzeitmedikamente schon in der dritten Klasse?
Im Ergebnis der Untersuchungen wurde eine medikamentöse Behandlung mit Stimulantien (speziell Ritalin) empfohlen. Diese Therapieempfehlung, die auch noch weitere Hilfen vorsah (u. a. Nachhilfe), würde die bei ADS zugrunde liegende neurobiologische Störung u. a. im Dopamin-Stoffwechsel ausgleichen. Damit verbesserten sich Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung des Gehirns, was positive Effekte im Lernverhalten, der Motorik und sozialem Verhalten erzielen würde.  

Langzeitmedikamente schon in der dritten Klasse? Mutter Ahnert schreckte immer noch davor zurück. Aber Svens Noten waren so schlecht, dass sie sich irgendwann nicht mehr dagegen wehren konnte und sich überzeugen ließ, auch durch das Beispiel der anderen Eltern, dass es für die Leistungen des Kindes von Vorteil wäre.

Natürlich blieb die Frage im Kopf der Eltern, woher denn ihr Junge und alle die anderen Kinder in seiner Klasse dieses Syndrom hätten, auf welche Weise die Störung im Hirnstoffwechsel entstanden war und sie wünschten sich, dass man dieser Frage ursachenseitig noch stärker nachgehen würde. Sie selbst waren in ihrer Jugend weder davon betroffen gewesen noch hatten sie bei anderen Familien davon gehört. Nun aber schien die halbe Klasse des Sohnes ADS aufzuweisen, was auf eine umfassende Veränderung der Bedingungen hinwies. Ahnerts stimmten schließlich einer Therapie zu und staunten, wie gut diese bei ihrem Sohn anschlug.

Lesen Sie mehr in der Artikelserie "ADS, ADHS – wie damit umgehen?":

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