Pflege

Beziehung gestalten – Pflege und ihre Rahmenbedingungen

Damit Pflegende ihre Rolle als Gestalter von Beziehungen und Pflegeprozessen erfolgreich und zu ihrer größtmöglichen Zufriedenheit gestalten können, bedarf es institutioneller Rahmenbedingungen. Die wichtigsten Gestaltungsräume skizziert dieser Artikel.

Vielfach lese ich in den Hochglanzbroschüren von Pflegeanbietern: "Bei uns steht der Bewohner/Patient im Mittelpunkt."  Ihm solle alle Aufmerksamkeit und Wertschätzung gelten. Ohne es zu merken, wird hier der Bewohner/Patient zum Objekt, zum passiven Gegenstand von Pflege.

Vergessen Sie sich nicht selbst

Indem wir auf ihn blicken und "das Beste" für ihn wollen – Schaden von ihm abwenden wollen, seinem Hilfebedarf gerecht werden wollen; wollen, dass er gesund wird oder bleibt – haben wir von uns und der Rolle, die wir als Pflegende dabei spielen, abgesehen und uns selbst vergessen.

Was sollte nun aber im Mittelpunkt dessen stehen, was Pflege begründet und ausmacht? Ist es nicht viel besser, wenn das beidseitige Erleben in der jeweiligen Beziehung (Pflege) zum Mittelpunkt der Betrachtung gemacht wird?

Wenn wir Pflege als eine gleichberechtigte Begegnung von Subjekten sehen, dann steht doch eher die Frage im Mittelpunkt, wie die Begegnung der beiden Subjekte verläuft, was sie jeweils dabei empfinden und wie diese Beziehung gelingen kann, sodass mögliche Ziele von Therapie und Pflege erreicht werden.

Pflegenden fehlt es aber oft weniger an kommunikativer als vielmehr an sprachlicher Kompetenz. Sie gestalten Beziehungen sehr häufig für sich und den Gepflegten äußerst zufriedenstellend und erleben den Kontakt als bereichernd und wertvoll. Was sie in den Begegnungen erleben, ist manchmal auch "problematisch" und beschäftigt sie weit über ihre Arbeit hinaus.

Aber es gelingt ihnen selten, die oft ähnliche Erlebenswelt in ihren Teams miteinander zu teilen. Ihre institutionellen Rahmenbedingungen verhindern darüber hinaus, dass sie auch im Umgang miteinander Raum und Worte finden für ihr Erleben.

Sowohl misslungene (Probleme) als auch gut gelungene Kommunikations- und
Pflegesituationen bleiben häufig ein Geheimnis, werden nirgends zur
Sprache gebracht. Die Sprache der Dokumentation bleibt diesbezüglich
spärlich und weitestgehend medizinisch und durchführungsorientiert.

Folgende Ansätze können helfen, die sprachliche Ausdrucksfähigkeit zu entwickeln und zu verbessern:

1. Validation: Eine wertschätzende Grundhaltung ermöglicht Pflegenden ein Mitgehen bei Bewohnern/Patienten, die krankheitsbedingt den Normen gültiger Kommunikation scheinbar nicht mehr entsprechen können, um auf diesem Weg dann eine Gelegenheit zu finden, den anderen zu erreichen und wieder die Führung übernehmen zu können.

Sie sehen im beobachteten Verhalten das Menschliche und nicht etwas Krankhaftes. Sie billigen ihren Beobachtungen Bedeutung zu. Pflegende kennen Stärken und Schwächen von sich selbst und ihren Kollegen. Dabei appellieren sie an die Stärken und akzeptieren und vernachlässigen die Schwächen.

2. Feedbackkultur: Pflegende lernen systematisch, sich gegenseitig Rückmeldung zu geben über das, was bei ihnen negative und positive Gefühle auslöst. Ihre Bereitschaft wächst, störendes Verhalten dem anderen zu benennen, auf blinde Flecken aufmerksam zu machen. Sie benennen, was sie beobachten, nicht das, was sie vermuten oder von anderen hören.

Sie lernen den Umgang mit ihren eigenen Gefühlen. Sie können ihren Gefühlen eine möglichst authentische und kongruente Sprache geben. Sie erkennen und benennen die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

3. Fallbesprechungen und kollegiale Beratung: In moderierten, systematischen Fall- und Bewohnerbesprechungen können Pflegende Momente positiver Begegnung formulieren und scheinbar unlösbaren Fällen einen neuen Rahmen und Bedeutung geben. Sie kommen zu gemeinsamen Lösungen und Umgangsempfehlungen.

Institutionsübergreifend finden sie Möglichkeiten des Austauschs im Sinne kollegialer Beratung oder Supervision. 

4. Dokumentation: Sie üben im Pflegebericht den sprachlichen Ausdruck, indem sie nur beschreiben, was sie tatsächlich wahrnehmen und messen. Hierzu sorgt die Institution, in der Pflegende arbeiten, für die notwendigen Rahmenbedingungen und Fortbildungen. Gegenseitige Wertschätzung als Grundhaltung durchdringt das Unternehmen.

Dem Erleben von alten und kranken Menschen wird genauso Aufmerksamkeit geschenkt wie den Gefühlen der Pflegenden und Vorgesetzten. Genügend Räume und Zeitkorridore für systematische und moderierte Besprechungen stehen zur Verfügung. Und ein beständiges Ringen um den richtigen Ausdruck im Rahmen der Dokumentation wird als kontinuierliches Bemühen um Verbesserung gesehen.

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Michael Thomsen