Zeichnen lernen = Sehen lernen: Lernen Sie Ihr Motiv kennen

Zeichnen lernen = Sehen lernen: Lernen Sie Ihr Motiv kennen

Bevor Sie ans Werk gehen, lohnt es sich, die Bestandteile Ihres neuen Motivs einzeln kennenzulernen, so wie ein Dirigent zunächst das Können seiner Musiker einschätzt. Ihre linke rationale Gehirnhälfte ist dabei nicht ein Feind, sondern ein überaus nützlicher Diener der rechten intuitiven Gehirnhälfte.

Eine sachliche Inventur

Sie sehen eine wunderschöne Landschaft – halten inne und schauen auf alle Dinge gleichzeitig. Es ist EIN BILD. Ja, das ist der große Augenspagat! Und zugleich ist es ein Schritt aus der Welt der Einzeldinge in die Welt des Miteinanders-der-Dinge. Aber Halt! Um naturgetreu zu zeichnen, sollte man NICHT nur die intuitive rechte Gehirnhälfte beanspruchen.

"Künstlerblick" und "Alltagsblick" wechseln sich in der Praxis immer wieder ab. Sie streiten nicht. Sie geben einander höflich den Vortritt. Bevor Sie ans Werk gehen, lohnt es sich, die Bestandteile des neuen Motivs einzeln kennenzulernen und einzuschätzen. Zunächst also eine bewusste, rationale, analytische Orientierung.

Formen – Zahlen – Farben – Kontraste – Linien – Oberflächen 

Zeichnen Sie dazu eine kleine schematische Skizze. Naturtreue und Proportionen sind unwichtig. Diese Bestandsaufnahme nützt die Fähigkeiten der linken, rationalen Gehirnhälfte und bietet ihr eine Zusammenarbeit an. Umso weniger mischt sie sich später in den zeichnerischen Prozess ein.

Reduzieren Sie das Motiv auf geometrische Formen. Vierecke, Dreiecke, Rauten, Kreise usw., auch scheinbar formlosen Elemente, wie beispielsweise ein zerknittertes Taschentuch oder Sträucher.

Zählen Sie die Elemente, die sich wiederholen.

Beobachten Sie Farben. Welche wiederholen sich, wie oft und wo? Gibt es Farben, die nur einmal auftreten?

Wesentliche Kontraste erkennt man am besten, wenn man die Augen zusammenkneift. Wo liegen die dunkelsten Bereiche, wo die hellsten?

Sie schließen ein Auge, strecken Ihre Hand und folgen mit dem Zeigefinger allen sichtbaren Linien. Möglichst in einem Zug, ohne abzusetzen über Berge und Felder, Häuser und Wege. Vor allem bei perspektivischen Motiven eine vorzügliche Vorbereitung.

Auch das ist gut: Gedanklich streichen Sie mit der Hand über die Oberflächen der Bildelemente. Spüren Sie in Ihrer Vorstellung die Rauheit einer Hauswand, die unruhigen Kanten eines sonnenbeschienen Schindeldaches, die kühle Glätte einer Porzellanvase, die Struppigkeit eines Blumenstraußes oder eines fernen Waldes.

Nehmen Sie sich Zeit. Lassen Sie das Bild in Ihrem Inneren als Ganzes reifen. Dank dieser sachlichen "Inventur" wird Ihnen das Zeichnen müheloser gelingen.

Nach einer schöpferischen Pause kann es weiter gehen.

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Veröffentlicht am 14. November 2011