Demenz

Hinlauftendenz – ein Gespür für die Weglauftendenz bekommen

Warum sagt man nicht mehr Weglauftendenz sondern Hinlauftendenz? Das Erleben der Kommunikationspartner von kritischen Situationen verdient mehr Beachtung. Erst wenn es gelingt, die eigenen und die Gefühle des Gesprächspartners wahrzunehmen und zu benennen, kann das Weglaufen als Hinlaufen begriffen und ein gemeinsamer Weg gefunden werden.

Eigenes Erleben

Sicherlich kennen Sie auch diese Situation: Sie haben einen wichtigen Termin und müssen los, damit Sie sich nicht verspäten. Aber Sie werden irgendwo von einer Person aufgehalten, die Ihnen Dinge erzählt oder pausenlos Fragen stellt. Sie können gar nicht wirklich konzentriert zuhören und Ihre Antworten bleiben eher knapp und kryptisch.

Was passiert aber, wenn Ihr Gegenüber plötzlich sagt: "Ich spüre Ihre Unruhe. Sie haben es wohl eilig und müssen fort? Da will ich Sie nicht aufhalten. Vielleicht erlauben Sie noch eine abschließende Frage?" Spüren Sie die Erleichterung, die wieder gewonnene Souveränität und Zuhörbereitschaft? Freuen Sie sich auch über das Mitgefühl Ihres Gesprächspartners?

Ende der Diskussion

So ähnlich mag es auch einem demenzkranken Menschen ergehen. In der Gewissheit seiner subjektiven Welt befangen, die ihm eine ganz eigene Realität diktiert, können Diskussion und objektive Daten keine Korrektur hervorrufen, weil das Gefühl der Unruhe, das Pflichtbewusstsein oder die Angst überwiegen und sein Verhalten steuern. Es hat Oberhand gewonnen und treibt ihn gewissermaßen in seiner Desorientierung nur noch weiter voran.

Die innere Unruhe und der Zeitmangel der Pflegekraft, die selbst woanders hin muss und sich nicht einlassen kann auf dieses Gefühlsleben des Demenzkranken, spiegelt darüber hinaus also noch das Erlebte des Demenzkranken.

Gelingt es einer Pflegenden in solch einer Situation, sich auf das Erleben des desorientierten und dementen Menschen einzulassen, indem sie zunächst einmal nur das vorherrschende Gefühl wahrnimmt und anerkennt, wird sich sehr oft beim Demenzkranken eine gewisse Erleichterung, ein Gefühl des Verstandenseins, einstellen.

Gefühlen Namen geben

Die Bereitschaft des unruhigen Bewohners zuzuhören, sich auf die Angebote der Pflegeperson einzulassen, wird vielleicht steigen, wenn die Pflegekraft wachsam, sensibel und geduldig bleibt und erst dann kann es gelingen, das den Demenzkranken in der Situation bestimmende – treibende – Gefühl zum Ausklang zu bringen. Erst danach kann sie es schaffen, den "Wegläufer" entweder abzulenken oder zumindest zu beruhigen.

Platz für neue Kognition

Und gerade eines der hervorstechenden Defizite im Zuge der Demenzerkrankungen, nämlich der zunehmende Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, ist dann paradoxerweise auch noch bei dieser Phase des "Gesprächsführens" hilfreich.

Auf der Kognitionsebene vergisst er das Inhaltliche und ein Umschwenken fällt leichter. Erst wenn das in einer scheinbar kritischen Situation vorherrschende Gefühl einen Namen hat, kann es gemeinsam bearbeitet werden. Es entsteht wieder Platz für neue Kognition!

Auf Gefühle achten, Erleben verstehen

Wenn Ihnen also ein Patient oder Bewohner "wegzulaufen" droht, schauen Sie geduldig erst mal auf die Motive, wohin er denn will/muss.
Achten Sie auf seine und Ihre eigenen Gefühle, auf sein Pflichtbewusstsein und auch auf Ihr eigenes Pflichtgefühl.

Erinnern Sie sich an seine Lebensgeschichte, verstehen Sie seine Hinlaufziele, denn darüber sollten Sie einen Weg zu gemeinsamen Zielen finden.

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Michael Thomsen