Demenz

Demenz: Psychopharmaka bei herausforderndem Verhalten

Der Einsatz von Psychopharmaka im Zusammenhang mit der Behandlung von Demenz braucht allein aufgrund der vielfältigen Nebenwirkungen eine nachvollziehbare Indikation. Kann man solche Maßnahmen umschiffen? Welche Alternativen gibt es zur medikamentösen Behandlung von demenzkranken Menschen mit herausforderndem Verhalten? Worauf muss geachtet werden?

Sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich geraten Pflegende bei herausforderndem Verhalten von Demenzkranken allzu leicht in Überforderungssituationen! Schlechte organisatorische oder strukturelle Rahmenbedingungen verschärfen hier häufig die Problematik. Als vermeintlich letztes Mittel kommen dann Psychopharmaka zum Einsatz.

Welche Psychopharmaka finden Anwendung bei Demenz?
In erster Linie sind es sedierende, also beruhigende oder schlaffördernde Präparate (44%). Wenn die Unruhe oder Aggressivität besonders ausgeprägt erscheint und ein gefährdendes Potential für den Betroffenen und seine Umgebung angenommen hat, stehen je nach Ausprägungsgrad neben den Tranquilizern auch Antidepressiva (26%) und Neuroleptika (25%) zur Auswahl. Neuroleptika heißen auch Antipsychotika und werden vor allem bei Verwirrtheitszuständen mit Halluzinationen angewendet.

Achtung: Nebenwirkungen von Psychopharmaka
Leider haben diese Medikamente aber sehr ernst zu nehmende Nebenwirkungen:

  • gegebenenfalls Verschlechterung der kognitiven Leistung
  • Gefahr der Paradoxwirkung (Gegenteil des Beabsichtigten), z. B. Unruhe und Verwirrtheitszustände
  • erhöhtes Sturzrisiko (vor allem bei Benzodiazepinen)
  • erhöhte Gefahr von Bettlägerigkeit
  • erhöhte Thrombosegefahr
  • evtl. Parkisonsymptome (besonders bei Neuroleptika)
  • erhöhte Sterblichkeit
  • u. v. m.

Daher sollten sie nur bei sehr genauer Indikation und erst nach Abklärung aller Ursachen zur Anwendung kommen. 

Verlust sprachlicher Kompetenzen
Im fortgeschritteneren Stadium der Demenzerkrankung verlieren die betroffenen Menschen nicht allein Orientierung und Gedächtnis. Besonders sprachliche Fähigkeiten gehen verloren.

So fehlen ihm beispielsweise bei Schmerzen nicht nur die Worte, sondern sie können ihre Schmerzwahrnehmungen überhaupt nicht mehr in einer allgemein verständlichen Weise ausdrücken. Sie haben manchmal nicht mehr die Möglichkeit analoger Kommunikation, indem sie Mimik oder Gestik nachvollziehbar abrufen. Das Schmerzbenehmen hat quasi eine private Sprache, die niemand verstehen kann.

Mögliche Ursachen identifizieren
Bevor eine sedierende oder antipsychotische Medikation eingeleitet wird, sollte daher immer erst eine genaue Beobachtung des Verhaltens erfolgen. In jedem Fall müssen mögliche, nachvollziehbare Ursachen für “auffälliges“ Verhalten identifiziert oder ausgeschlossen werden, wie zum Beispiel:

  • Schmerzen oder noch nicht identifizierte organische Erkrankung
  • Flüssigkeitsmangel
  • Stoffwechselstörungen (vor allem Blutzuckerentgleisungen)
  • Fehldosierung von Medikamenten
  • Alkoholentzug
  • Blutarmut (Anämie)
  • Vitaminmangel (B1, B12)
  • Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)
  • Infekte (mit und ohne Fieber)
  • Wahrnehmungsstörungen
  • Harndrang

Beobachtungen richtig deuten
Insbesondere die "richtige Deutung" des Verhaltens fordert Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen und Geduld der Angehörigen und Pflegenden in besonderer Weise heraus. Ebenso wichtig ist dabei der kommunikative Austausch über "Erlebnisse" und Beobachtungen im Team untereinander. Bestimmte Erinnerungen oder Ängste können dann vielleicht als Auslöser gedeutet und gezielte Maßnahmen gemeinsam geplant werden.

Alternativen zu Psychopharmaka prüfen
Ist die Ursache für das Verhalten nicht zu erkennen, sollten die Betroffenen (Angehörige, Betreuer, Pflege, Arzt) vor der Gabe von Psychopharmaka auch Alternativen prüfen. Es könnten andere Betreuungsformen erwogen werden. Es gibt immer mehr Einrichtungen und Tageskliniken, die sich darauf spezialisiert haben und ein Milieu schaffen, wo dem Verhalten und möglichen Freiheitsdrang der Demenzkranken ohne "chemische Keule" ein Raum geboten werden kann.

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Michael Thomsen