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Bankenkrise: Italien könnte das neue Griechenland werden

Bankenkrise: Italien könnte das neue Griechenland werden
geschrieben von Burkhard Strack

Finanzielle Probleme sowie strenge Sparmaßnahmen für Griechenland sorgen seit Jahren für Schlagzeilen. Während die Spannungen zwischen der EU und ihrem Sorgenkind kein Geheimnis sind, sorgte ein Bericht des IWF überraschend für neuen Zündstoff. Diesmal steht ein anderes Mitgliedsland im Fokus: Italien gilt laut Expertenschätzung derzeit als größte Gefahr für die Eurozone.

Positive Nachrichten aus dem Land im Süden Europas sorgten für einen Zeitraum von rund zwei Jahren für Optimismus. Der junge Regierungschef Matteo Renzi brachte Bewegung in die verkrusteten Strukturen der italienischen Politik. Doch nun beendete die drohende Bankenkrise diese optimistischen Betrachtungen und sorgt für nervöse Stimmung bei Finanzexperten, Anlegern und an der Börse.

Probleme mit faulen Krediten

Bei der Jahrestagung des Italienischen Bankenverbandes herrschte allgemeine Zuversicht bei allen Beteiligten. Laut den offiziellen Aussagen sei eine unmittelbar bevorstehende Bankenkrise in Italien nicht in Sicht. Der Präsident der Banca d’Italia, hochrangige Banker und der italienische Schatzminister sehen die bestehenden Schwierigkeiten rund um faule Kredite als kleine und durchaus lösbare Probleme an.

Rund ein Drittel aller faulen Darlehen in der gesamten Eurozone findet sich in den Bilanzen italienischer Banken. Eine schwächelnde Wirtschaft und Missmanagement bei den Kreditvergaben sorgen dafür, dass bei vielen Kunden Schwierigkeiten mit der Rückzahlung entstehen. Insgesamt belaufen sich diese notleidenden Kredite bei italienischen Banken auf etwa 360 Milliarden Euro. Erschreckend ist zudem die Summe der als verloren geltenden Darlehen – diese beläuft sich auf unglaubliche 200 Milliarden Euro.

Nervöse Reaktionen der Aktienmärkte

Sollten Sie in den vergangenen Monaten die Vorgänge an den internationalen Börsen verfolgt haben, ist Ihnen die Talfahrt der Aktienkurse bei italienischen Banken sicher nicht entgangen. Neben vielen Regionalbanken ist auch ein geschichtsträchtiges Kreditinstitut von dieser kritischen Entwicklung betroffen – die 1472 gegründete Banca Monte dei Paschi di Siena. In den Büchern des renommierten Kreditinstituts finden sich faule Kredite mit einer Gesamtsumme von 47 Milliarden Euro. Davon wurde eine Summe von 23 Milliarden Euro bereits abgeschrieben, doch bei den übrigen Wackelkrediten von etwa 24 Milliarden Euro bestehen berechtigte Zweifel über die Einträglichkeit.

Zusätzliches Benzin goss die EZB mit der Aufforderung in das bereits schwelende Feuer, die Summe der faulen Kredite innerhalb einer Frist von drei Jahren um zehn Milliarden Euro zu reduzieren. Die Anleger reagieren entsprechend nervös, der Aktienkurs der Bank fiel binnen Wochenfrist um über 30 Prozent auf einen dramatischen Wert. Seit August 2015 befand er sich von ursprünglich zwei Euro ohnehin bereits auf Talfahrt und sank noch weiter auf 28 Cent. Die Symptome der Krise nehmen weiter zu, da die Banca Monte dei Paschi di Siena nicht das einzige Kreditinstitut mit großen Problemen ist. Aktienkurse weiterer Banken sinken derzeit ebenfalls in ungeahnte Tiefen.

Premier Matteo Renzi unter Druck

Die Rufe nach einer Rettung der bedrohten Kreditinstitute werden in Italien angesichts dieser Bankenkrise immer lauter. Der italienische Regierungschef spielt mit dem Gedanken, die Bankenkrise in Italien mit Staatsgeldern abzuwenden. Die in Schräglage geratenen Banken sollen mit Finanzspritzen gestützt werden, so der Plan des Regierungschefs. In der EU findet diese Vorgehensweise jedoch keine Zustimmung, Renzis Anfrage der Bankenrettung mittels einer europäischen Finanzspritze von 40 Milliarden Euro beim vergangenen EU-Gipfel wurde eine deutliche Absage erteilt.

Matteo Renzi steht derzeit unter großem Druck. In Italien fürchten die Anleger aufgrund der drohenden Bankenkrise um ihr Geld und reagieren entsprechend nervös. Das im Herbst anstehende Referendum über eine tiefgreifende Verfassungsreform könnte das Ende seiner politischen Karriere bedeuten. Laut EU-Vorgaben müssen im vorliegenden Fall in erster Linie die Sparer in Italien mit ihren Einlagen für die Folgen der Bankenkrise zahlen. Auf dem Spiel stehen Spargelder von rund 31 Milliarden Euro. Da Renzi seine politische Zukunft untrennbar mit dem Ergebnis des Referendums verknüpft hat, besteht hier für ihn und auch für die italienische Konjunktur die Gefahr einer ungewissen Zukunft.

Erinnerungen an Griechenland

Angesichts der massiven Probleme besitzt die Bankenkrise in Italien großes Potenzial für eine dramatische Schieflage der europäischen Finanzpolitik. Die Warnungen der Ökonomen des IWF im aktuellen Report wecken unschöne Erinnerungen an Griechenland. Während viele Menschen noch über den Brexit und seine Folgen diskutieren, betrachten einige Experten die Bankenkrise in Italien als weit größere Gefahr für die Eurozone. Das bisherige Sorgenkind Griechenland könnte in naher Zukunft Gesellschaft bekommen.

Anders als dieses Land handelt es sich bei Italien um einen großen Ökonomiefaktor. Als einer der EU-Staaten mit der höchsten Verschuldung, niedriger Erwerbsquote und einer nicht wettbewerbsfähigen Wirtschaft bringt Italien mit der aktuellen Bankenkrise den europäischen Finanzsektor in große Gefahr. Experten der Deutschen Bank sehen die EU in der größten Krise seit mehr als sechs Jahrzehnten. Sie fordern oberste Priorität für die Lösung der italienischen Bankenkrise.

Was denken Sie über die Lage? Erinnert Sie Italien an Griechenland? Oder schätzen Sie die Lage anders ein? Sollte die EU Italien finanziell unterstützen? Oder müssen die Italiener sich selbst helfen? Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Über Ihren Experten

Burkhard Strack

Burkhard Strack ist Fachjournalist (DFJV-Mitglied), Werbeprofi (Google AdWords Premium Partner) und Inhaber des Beraterportals experto.de.

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