Warren Buffett macht den Anlegern Mut

Die Finanzkrise ist derzeit in aller Munde. Mittlerweile mehren sich aber auch die Stimmen, die versichern, dass das Schlimmste schon vorüber sei. Der Staat habe mit seinen „Rettungspaketen“ das Nötige getan, jetzt werde alles wieder gut. Auch der Aktienmarkt habe seinen Boden gesehen, die nächste Hausse könne beginnen. Für ein gewisses Aufsehen sorgte ein Kommentar von Warren Buffett in der New York Times. Der wohl erfolgreichste Anleger aller Zeiten ließ seine Leser wissen, dass er jetzt amerikanische Aktien kaufe. Allerdings sind diese Äußerungen von Warren Buffett mit Vorsicht zu genießen.

Warren Buffett investiert wieder
Um die Äußerungen von Warren Buffett zu verstehen, muss man zwei Dinge wissen:

Erstens hat Buffett eine sehr langfristige Sichtweise, die ausschließlich auf der fundamentalen Bewertung des Aktienmarktes beruht. Und erstmals seit Mitte der 90er Jahre sind amerikanische Aktien anhand einiger wichtiger Kennzahlen tatsächlich nicht mehr überbewertet. Langfristig kann man von dem aktuellen Niveau aus also durchaus eine durchschnittliche Rendite vom Aktienmarkt erwarten. Von einer am Ende großer Baissen typischen Unterbewertung sind die Märkte aber noch weit entfernt. Falls sie solche Niveaus erreichen sollten, müssten sie sich von hier aus noch einmal halbieren.

Ein gewisses Risiko besteht also weiterhin, das man mit einem langfristigen Zeithorizont eines Warren Buffett für akzeptabel halten kann – insbesondere, wenn man sehr tiefe Taschen hat, um im Fall der Fälle zu deutlich niedrigeren Kursen erneut kräftig investieren zu können.

Zweitens gibt es eine interessante Parallele zwischen der heutigen Haltung Buffetts und der seines berühmten „Kollegen" John D. Rockefeller vor 79 Jahren. In seinem berühmten Buch „The Great Crash 1929" zeichnet Kenneth Galbraith detailliert die damaligen Vorgänge nach. Folgende Passage daraus ist besonders interessant: „Mitte November 1929 hörte der Aktienmarkt endlich auf zu fallen, jedenfalls für eine Weile. Das Tief wurde am Mittwoch, den 13. November, erreicht.

An diesem Tag schloss der Index mit 224 Punkten, nachdem er wenige Monate zuvor ein Rekordhoch von 452 Punkten erreicht hatte; er hatte sich also ziemlich genau halbiert. Der Index war an diesem Tag übrigens 82 Punkte oder 25% tiefer als an jenem denkwürdigen Tag zwei Wochen vorher, an dem John D. Rockefeller verkündet hatte, dass er und sein Sohn Aktien kaufen würden.

Kurzfristig handelte der große Rockefeller also ein bisschen zu früh. Mittelfristig war er sogar viel zu früh. Denn nach der ersten Halbierung sollte der Index sich in den kommenden beiden Jahren noch weitere zweimal halbieren. Am Ende der Baisse betrug der Kursverlust sage und schreibe 89%.

Es bestehen noch immer sehr große Risiken
Trotz der schon sehr herben Verluste haben die Aktienmärkte bisher eigentlich nur auf das Platzen der Immobilienblase und dessen Folgen für das Finanzsystem reagiert. Jetzt wurde – zumindest vorläufig – der tatsächlich mögliche komplette Zusammenbruch des Finanzsystems durch ein historisch einmaliges Eingreifen des Staates verhindert. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht lautet: Damit wurde nur ein einziges, allerdings extrem wichtiges und akutes Problem gelöst. Zahlreiche weitere Probleme bleiben:

  • Die weltweite Rezession, die sich jetzt sehr schnell entfaltet, wurde von den Märkten bisher noch nicht eingepreist – dafür fehlte in der Aufregung der vergangenen Wochen regelrecht die Zeit.
  • Die Schätzungen der Unternehmensgewinne sind noch immer viel zu hoch und bergen großes Enttäuschungspotenzial, vermutlich sogar über viele Quartale.
  • Die Immobilienbaisse ist noch nicht vorüber. Weitere Kreditausfälle und Abschreibungen werden die Finanzindustrie heimsuchen.
  • Das Zurückfuhren teilweise absurd hoher Spekulationen auf Kredit im Finanzsektor ist bei weitem noch nicht abgeschlossen – und es wird in der Form der vergangenen Jahre auf absehbare Zeit auch nicht mehr wiederkommen. Damit fehlt eine wichtige Stütze einer breit angelegten Hausse.
  • Eine in Rezessionen übliche Welle von Unternehmenspleiten steht erst noch bevor. Das wird direkte Auswirkungen auf die Banken haben, aber auch indirekte über die Derivate-Märkte.
  • Die Derivate-Märkte halten noch manche Überraschung parat.
    Hunderte von Hedgefonds und Private Equity Firmen werden vermutlich den Geschäftsbetrieb einstellen und für weitere Verkaufswellen an den Finanzmärkten sorgen.
  • AIG wird wohl kaum die einzige Versicherung gewesen sein, die sich in diesem Zyklus verspekuliert hat.
  • Weitere spektakuläre Pleiten im Finanzsystem sind wahrscheinlich. Trotz dann sicherlich schnell zugesagter weiterer „Rettungspakete" dürfte das nicht ohne Turbulenzen an den Finanzmärkten abgehen. Vor allem dürften die dafür bisher vorgesehenen „Rettungsprogramme" zur Rekapitalisierung der Banken bei weitem nicht ausreichen.
  • In einigen Emerging Markets Ländern besteht die sehr reale Gefahr einer Finanzkrise wie 1997 in Asien. Der in diesem Bereich über großes Fachwissen verfügende US-Ökonom Nouriel Roubini – der übrigens zu den wenigen gehört, die die laufende Krise prognostizierten – nennt ausdrücklich Ungarn, Bulgarien, Estland, Lettland, Türkei, Pakistan und Korea. Diese Liste sei nicht vollständig, mehrere zentraleuropäische und zentralamerikanische Länder gehörten ebenfalls dazu.

Wie Sie anhand dieser Ausführungen sehen können, sind wir derzeit bei Weitem noch nicht über den Berg. Im Gegenteil. Es bleibt also dabei, dass die kommenden beiden Jahre überaus spannend zu werden versprechen.

Veröffentlicht am 19. November 2008