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Seit der Leitzinserhöhung sinken die Anleiherenditen: Doch wieso?

Seit der Leitzinserhöhung sinken die Anleiherenditen: Doch wieso?
geschrieben von Burkhard Strack

Die Lehrbuch-Regel, dass bei einer Leitzinserhöhung auch die Zinsen der Anleihen steigen, ist im Moment in den USA augenscheinlich außer Kraft: Die US-Anleiherenditen sinken – zumindest bei den Zehnjährigen. Warum das so ist und welche Schlüsse Sie daraus ziehen sollten, das führen wir im Folgenden aus.

Die jüngste FED-Leitzinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte ließ erwarten, dass die Renditen für langlaufende Anleihen nun steigen müssten – das Gegenteil war der Fall:

Faktoren in ihrer Gesamtheit betrachten

Die zehnjährigen Anleiherenditen sanken von 2,26 auf 2,01 Prozent. Als Ursache wurden zum einen die deutlich sinkenden Inflationsprognosen gewertet, die in Bezug auf die Konjunktur zu wenig Optimismus Anlass geben. Zum anderen räumte Eric Rosengren als Präsident der FED of Boston bereits ein, dass eine Abschwächung des US-Wirtschaftswachstums zur Verzögerung in der geplanten Straffung der Geldpolitik führen könnte.

Von den avisierten vier waren ohnehin nur zwei Schritte zur Leitzinserhöhung in diesem Jahr wahrscheinlich – selbst die könnten sich dann erübrigen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die US-Wirtschaft, allen FED-Interventionen zum Trotz, seit nunmehr sieben Jahren wenig dynamisch wächst und gleichzeitig die Unternehmensgewinne schwinden, macht sich die Angst vor einer Rezession breit und die Tatsache, dass Anleiherenditen sinken, verstärkt diese noch.

Erste Reaktionen auf Leitzinserhöhung nicht überwerten

Zunächst ist die Entwicklung der Anleihen aber mit Vorsicht zu genießen, denn einerseits wirken sich Neupositionierungen von Marktteilnehmern aus, andererseits war der Handel in den letzten Wochen ausgesprochen dünn – eine echte Neueinschätzung steht also noch aus. Darüber hinaus ist der Anstieg der zweijährigen Anleiherenditen schwach ausgefallen. Sie notieren aktuell noch unterhalb der Marke, die sie im September eingenommen hatten.

Zur Erinnerung: Auch damals wurde über eine Leitzinserhöhung diskutiert. Offenbar gehen die Märkte nicht davon aus, dass die Zinserhöhungen wie angekündigt durchgeführt werden. Gleichzeitig darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Renditen der kurzfristigen US-Anleihen ohnehin zu niedrig gewesen sind – hier besteht ein nicht unerhebliches Potenzial des raschen Anstiegs.

Phänomen bei Anleiherenditen richtig einordnen

Es ist keineswegs neu, dass sich nach einer FED-Leitzinserhöhung die Renditen der kurzfristigen und langfristigen Anleihen einander annähern, also die zehnjährigen Anleiherenditen sinken und die zweijährigen steigen, wie es aktuell der Fall ist. Eine nähere Betrachtung der Anleiherenditen zeigt dann auch, dass dieser Abstand in der Vergangenheit schon bis auf 0,5 Prozentpunkte zusammengeschrumpft ist – wovon die zwei- und zehnjährigen US-Anleihen aktuell mit einer Differenz von 1,2 Prozentpunkten noch weit entfernt sind.

Daraus den Schluss zu ziehen, dass eine Rezession bevorsteht, ist ganz eindeutig noch zu früh. Zum Beispiel blieb in den 90-er Jahren der Unterschied in den Renditen jahrelang gering, obwohl die wirtschaftliche Situation sehr stabil und ein robustes Wachstum zu verzeichnen war. Sollten allerdings die zehnjährigen Anleiherenditen sinken, und die Zweijährigen sie überflügeln, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Rezession binnen eines Jahres deutlich.

Weitere Entwicklung sorgfältig beobachten

Für Anleihen werden die Zeiten alles andere als bequem: Langfristige US-Anleihen stehen auf lange Sicht ebenso unter Druck wie kurzfristige auf kurze Sicht, was sich in absehbarer Zeit auch auf Bundesanleihen auswirken dürfte. Wird die Leitzinserhöhung verzögert, dürften ebenso die Anleiherenditen sinken, wie das bei einer Straffung der Maßnahmen der Fall wäre. Dann müsste nämlich mit einer höheren Volatilität und Unsicherheit der Märkte gerechnet werden, was die Kurse der Anleihen ebenfalls unter Druck setzen würde und damit auch die Renditen.

Über Ihren Experten

Burkhard Strack

Burkhard Strack ist Fachjournalist (DFJV-Mitglied), Werbeprofi (Google AdWords Premium Partner) und Inhaber des Beraterportals experto.de.

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