Der Rettungsplan der US-Regierung könnte scheitern

Schon vor Monaten warnten Experten vor einem drohenden Schuldenkollaps. Dabei handelt es sich nicht nur um eine relativ harmlose Kreditklemme, also eine unter Umständen drastische Einschränkung der Vergabe neuer Kredite. Bei dem befürchteten Schuldenkollaps geht es zusätzlich um eine regelrechte Flutwelle hilfsbedürftiger Kredite, die das Bankensystem in den Ruin treibt und die Wirtschaft in eine vermutlich sehr schwere Rezession. Nun hat so ziemlich jede Regierung ihren eigenen Rettungsplan entworfen, um den angeschlagenen Unternehmen unter die Arme zu greifen. Doch gerade der wichtigste – nämlich der Rettungsplan der USA – scheint auf Sand gebaut.

Finanzkrise: Was kann der Rettungsplan wirklich?
Millionen US-amerikanischer Konsumenten müssen nach vielen Jahren hemmungsloser Neuverschuldung feststellen, dass sie am Ende einer gewaltigen Schuldenfahnenstange angekommen sind. Sie können ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen und lösen eine Kettenreaktion von Bankpleiten und später auch von Unternehmenspleiten aus.

Bereits jetzt wird die negative Seite sichtbar, die zerstörerische Kraft des riesigen Schuldenbergs, der seit vielen Jahren wie ein Damoklesschwert über den meisten Volkswirtschaften hängt.

Der Schuldenkollaps hat bereits begonnen
Nur einen Monat später hat der Schuldenkollaps im November mit beängstigender Geschwindigkeit begonnen. Neue Kredite werden kaum noch vergeben. Unternehmen aller Sektoren erleben akute Finanzierungsprobleme. Und obwohl der Wirtschaftsabschwung offiziell noch immer nicht als Rezession bezeichnet wird, machen Depressionsängste die Runde.

Sowohl in den USA als auch in Europa ist ein Großteil des Bankensektors bereits in Existenz-Nöte geraten. Die einst gewaltige Marktkapitalisierung der Banken hat sich zu einem großen Teil in Luft aufgelöst, die Verluste der Aktionäre sind gewaltig. In Europa wurden bereits drastische staatliche Maßnahmen ergriffen, um den Rest an Vertrauen in diesen Sektor zu erhalten. Die Regierung Deutschlands folgte dem Beispiel Irlands, indem die Kanzlerin an einem Sonntagabend dem Fernsehvolk verkündete, dass der Staat eine Garantie sämtlicher privater Bankeinlagen übernehme.

Und die britische Regierung beschloss bereits eine teilweise Verstaatlichung wichtiger Finanzinstitute. Mittlerweile liegt auch ein umfangreiches „Rettungspaket" auf europäischer Ebene vor, das von den einzelnen Ländern mit Hochdruck umgesetzt wird. Mit diesen Maßnahmen wurde ein Übergreifen des bisher rein institutionellen Bankenruns auf die Privatanleger verhindert. Vor diesem Hintergrund, stellt sich jetzt natürlich folgende Frage: Kann ein Bankenrun in den USA verhindert werden?

Henry Paulson, US-Notenbankpräsident Ben Bernanke und amerikanische Politiker haben in ihrem Werben für das 700 Mrd. Dollar schwere „Rettungspaket" sehr freizügig von einem Zusammenbruch („financial meltdown") des Finanzsystems gesprochen. Dazu werde es kommen, wenn das von ihnen vorgeschlagene Paket nicht auf den Weg gebracht werde. Was genau sie mit diesem Zusammenbruch meinen, haben sie allerdings offen gelassen.

Die Geschwindigkeit, mit der sowohl in den USA als auch in Europa verschiedene Banken kollabiert sind, ist ein klares Zeichen, dass hier bereits ein Bankenrun in vollem Gange war. Da heutzutage Gelder elektronisch abgezogen werden, kam es allerdings nicht zu den in früheren Zeiten typischen Menschenschlangen vor den Bankschaltern. Das Ergebnis ist aber selbstverständlich dasselbe.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die Garantien europäischer Regierungen das Schlimmste zunächst verhindert haben. Allerdings setzen sie mit diesen Maßnahmen andere Länder dramatisch unter Druck. Denn was liegt näher, als sein Geld von einer Bank zu nehmen, die nicht den Schutz staatlicher Garantien genießt, um sich unter den breiten Schirm europäischer Regierungen zu stellen.

Insbesondere wird die US-Regierung wahrscheinlich nicht umhin können, mit den Europäern gleichzuziehen, um diesen drastischen Wettbewerbsvorteil auszugleichen. Andernfalls sehen viele Experten die ganz große Gefahr, dass die Maßnahmen der Europäer die Bankenkrise in den USA deutlich verschärfen werden. Da sich die Ereignisse zurzeit geradezu überschlagen, werden entsprechende Maßnahmen wahrscheinlich schon umgesetzt sein, wenn diese Zeilen Sie erreichen. Wenn nicht, sieht es nicht gut aus, für den US-Bankensektor.

Warum der Rettungsplan die Kreditkrise nicht beenden kann
Florida ist ein Staat, der regelmäßig von Hurrikanen heimgesucht wird. Niemand der dort lebenden Menschen nimmt diese Bedrohung auf die leichte Schulter. Es gibt ein exzellentes Frühwarnsystem mit Evakuierungen und massiven Schutzvorkehrungen. Dennoch müssen die Menschen sich damit abfinden, dass katastrophale Entwicklungen nicht immer verhindert werden können.

Es gibt Dinge, die größer sind als alle menschlichen Anstrengungen. Und diese Dinge sind nicht nur Naturkatastrophen, nein, es kann sich auch um von Menschen geschaffene Probleme handeln, wie Kriege oder Hungersnöte, die immer auf menschliches Versagen zurückzuführen sind.

Jetzt ist die Finanzwirtschaft an einem solchen Punkt angekommen
Die von Experten immer wieder beschriebenen monumentalen geldpolitischen Fehler der Ära Greenspan haben Kräfte entfesselt, die sich jetzt – durchaus vorhersehbar – gegen uns gewendet haben. Experten wussten, dass es früher oder später so kommen würde. Und jetzt befürchten sie, dass der entfesselte Sturm nicht mehr aufgehalten werden kann – allen Anstrengungen der Regierenden zum Trotz.

1. Es sind viel zu viele Banken betroffen
Die US-Einlagensicherung Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) führt derzeit nur 117 Banken mit Vermögenswerten von 78 Mrd. Dollar in ihrer Liste gefährdeter Institute. Die bisher größte Bankenpleite der USA, Washington Mutual, befand sich übrigens nicht auf dieser Liste. Sie sollten dem Urteilsvermögen der FDIC also mit einer gewissen Skepsis entgegentreten.

Aufgrund eigener Analysen und unter Verwendung der Banken-Ratings von TheStreet.com sehen Experten ein großes Risiko bei mindestens 1.479 US-Banken und 158 Sparkassen, die zusammen über Vermögenswerte von 3,2 Billionen Dollar verfügen. In den USA könnte die Bankenkrise also 41 Mal größer ausfallen, als die Liste der FDIC impliziert.

2. Schuldenlast zu groß
Den Statistiken der Notenbank zufolge beläuft sich allein der Hypothekenkreditberg auf 14,8 Billionen Dollar. Hinzu kommen 20,4 Billionen Dollar für Konsumenten- und Unternehmenskredite. In diesen Bereichen haben die Probleme gerade erst begonnen und werden sich im Lauf der Rezession drastisch verschlimmern. Selbst wenn sich die Situation im Hypothekenkreditbereich entspannen sollte und die Immobilienbaisse auf wundersame Weise zu einem schlagartigen Ende käme, drohen erhebliche Kreditausfälle aus den beiden anderen Bereichen.

3. Zahlungsausfälle nehmen drastisch zu
Schon jetzt zeigen sich im Kreditkartenbereich die höchsten Ausfälle seit 2001. Bei den Automobilkrediten sind wir sogar schon auf einem Niveau angekommen, das zuletzt in der relativ schweren Rezession von 1990 erreicht wurde. Und im Hypothekenbereich ist jeder zehnte Kredit notleidend, eine unerhört große Zahl.

4. Zusätzliches Risiko durch gewaltigen Derivate-Überbau
Derivate sind eigentlich nichts anderes als Wetten und Zahlungsverpflichtungen. Großbanken, Hedge Fonds, Versicherungen und andere Marktteilnehmer schließen in großem Stil Wetten auf die Veränderungen von Zinssätzen, Aktienkursen, Währungen oder Rohstoffen ab. Außerdem wetten sie auch auf bestimmte Ereignisse wie beispielsweise Unternehmenspleiten.

Wenn sie gewinnen, dürfen sie sich über große Gewinne freuen. Wenn sie verlieren, kann es sie in den Ruin treiben. Anhand des aktuellen Berichts der US-Behörde Office of the Comptroller of the Currency (OCC) beläuft sich der Nennwert aller von US-Banken gehaltenen Derivate auf 182,1 Billionen Dollar –  eine geradezu unglaublich große Zahl.

Natürlich kennen Sie das Argument, dass diese Zahl das Risiko sehr viel größer erscheinen lässt, als es tatsächlich ist, da die großen Derivate-Spieler auf beiden Seiten eines Marktes Wetten laufen haben, die sich gegenseitig aufheben – fast so, als würde ein Spieler am Roulettetisch gleichzeitig auf rot und schwarz setzen.

Diese Argumentation lässt aber eine wichtige Kleinigkeit unberücksichtigt: ein durchaus vorstellbares Worst-Case-Szenario, wenn gewissermaßen alle Wettpartner verlieren. Geht ein großer Wettbruder pleite, kann er seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Dann steht aber auch der Gewinner der Wette plötzlich mit leeren Händen da und sieht sich plötzlich mit Verlusten konfrontiert, gegen die er sich eigentlich versichert glaubte.

Der Niedergang der US-Versicherung AIG hätte genau diese verheerende Kettenreaktion ausgelöst, denn die Tentakel dieses Giganten reichen bis in die hintersten Ecken des internationalen Finanzsystems. Nur durch die blitzschnelle Verstaatlichung dieses großen Marktteilnehmers konnte die Kettenreaktion verhindert werden, in deren Verlauf vermutlich zahlreiche Marktteilnehmer wie Dominosteine umgefallen wären.

Rettungsplan: Nicht immer sind Wettschulden auch Ehrenschulden
Wettschulden gelten als Ehrenschulden. Wer in der Mafia seine Wettschulden nicht begleichen kann, findet sich mit einem Betonklotz am Bein im East River wieder. Aber in der Finanzindustrie können Manager, die sich verzockt haben, mit prall gefüllten Taschen und sogar noch mit riesigen Abfindungen nach Hause gehen.

Die Aufsichtsbehörden haben keinen Mechanismus entwickelt, der dieser offensichtlichen Ungerechtigkeit hätte Einhalt gebieten können. Vielmehr förderte das Regelwerk hochriskantes Verhalten, indem es die Spieler im Gewinnfall mit hohen Summen belohnte, sie im Verlustfall aber nicht zur Kasse bat. Daran kann auch ein Rettungsplan nichts ändern.

Veröffentlicht am 17. Dezember 2008