Die Bankenkrise: Kein Ende in Sicht

Der Auslöser der Bankenkrise war das Verbot bestimmter Shortoperationen bei den Aktien einiger handverlesener Finanzwerte, das die Aufsichtsbehörde kurzerhand verhängte. Diese erstaunliche, aber längerfristig wirkungslose Marktmanipulation traf auf einen extrem überverkauften Markt, der ohnehin reif war für eine technische Erholung. So kam es zu massiven Eindeckungen von Shortpositionen und die Kurse schossen nach oben. Sie tun jetzt gut daran, sich auf die nächste heiße Phase der schlimmsten Bankenkrise seit den 30er Jahren einzustellen.

Bankenkrise: Amerikas größte Sparkasse hat ein Problem…
Amerikas größte Sparkasse, Washington Mutual Bank, hat ein großes Problem. Für das zweite Quartal 2008 wies das Institut einen Verlust von 3,33 Mrd. Dollar aus. Für das Gesamtjahr wird der Verlust auf mindestens 19 Mrd. geschätzt, vermutlich werden es aber eher 26 Mrd. Dollar sein. Das sind gewaltige Zahlen.

 Dem Quartalsbericht können Sie entnehmen, dass die Bank Wohnimmobilienkredite in Höhe von 192 Mrd. Dollar in den Büchern hat und nur über ein Eigenkapital von 30 Mrd. verfügt. Stattliche 25% dieses Eigenkapitals wird für die Deckung von Hypothekenkrediten benötigt, die bereits als notleidend verbucht werden müssen.

Die Aktie hat von ihrem Höchstkurs aus gerechnet 85% verloren. Und die Wahrscheinlichkeit, dass das Institut die nächsten fünf Jahre überlebt, wird am Markt für Credit Default Swaps (CDS) mit nur noch 46% gehandelt. (CDS sind Derivate, die als eine Art Versicherung gegen Kreditausfälle bei Insolvenz des Schuldners beschrieben werden können).

… und befindet sich damit in bester Gesellschaft
Bei der National City Bank of Ohio, einer der größten Regionalbanken Amerikas, sieht das Bild kaum besser aus. Hier stehen 47,7 Mrd. Dollar an Wohnimmobilienkrediten 14,5 Mrd. Dollar Eigenkapital gegenüber. Und über 13% des Eigenkapitals wird für die Unterlegung von bereits notleidend gewordenen Hypotheken benötigt. Die Überlebenswahrscheinlichkeit der Bank schätzen die Akteure am CDS-Markt auf 38%.

Diese beiden wichtigen Beispiele mögen als Illustration für das Ausmaß der Bankenkrise genügen. Wie Sie wissen, sind diese beiden weder die ersten noch die letzten großen Finanzinstitute, die mittlerweile in sehr ernsthaften Problemen stecken. Weltweit hat der Bankensektor kürzlich die 500 Mrd. Dollar-Grenze bei den Abschreibungen seit dem Beginn der Bankenkrise geknackt, die – damals übrigens noch als Subprime-Krise bezeichnet – von fast allen Analysten, Politikern und Marktteilnehmern dramatisch unterschätzt wurde.

Beispielsweise gab Ben Bernanke, der Präsident der US-Notenbank, am 5. Juni 2007 folgende bezeichnende, aber damals durchaus typische Einschätzung zum Besten: „Es erscheint unwahrscheinlich, dass die Probleme im Subprime-Sektor ernsthaft auf die Wirtschaft oder das Finanzsystem überschwappen werden. " Entgegen solcher Durchhalteparolen tun Sie auch weiterhin gut daran, den Äußerungen aus dieser und aus ähnlichen Quellen mit großer Skepsis zu begegnen.

Fed-Präsident Bernanke, Finanzminister Paulson, die US-Einlagensicherungsgesellschaft FDIC und der US-Kongress möchten Sie natürlich glauben machen, sie könnten sich der Flutwelle erfolgreich entgegenstemmen. Sie sagen, sie können bankrotte Broker wie Bear Stearns retten. Oder pleite gegangenen Banken wie IndyMac oder First National of Nevada aus der Patsche helfen. Zumindest den insolventen Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac wurde ja schon geholfen – aber zu welchem Preis?

Sie behaupten außerdem, sie können Millionen von notleidenden Hypotheken refinanzieren und hunderte von Milliarden Dollar an Steuerrückzahlungen unters Volk bringen. Und danach wollen sie immer noch handlungsfähig und liquide sein, um die nächsten Finanzkollapse aufzufangen.

Misstrauen Sie positiven Prognosen
Glauben Sie diesen politischen Versprechungen besser nicht. Dieser Plan ist unrealistisch und die meisten der Akteure wissen das auch ganz genau. Sie wissen, dass Wohlstand durch Arbeit geschaffen wird und nicht durch den Einsatz der Gelddruckmaschine. Sie wissen, dass die Unterstützung der dümmsten oder risikofreudigsten Kreditnehmer und der dazugehörigen Kreditgeber völlig falsche Signale sendet und genau den falschen Spielern hilft. Dennoch haben sie diesen Weg eingeschlagen. Warum?

Entschlossenes Handeln ist gefragt
Ich sehe nur eine Erklärung. Hinter der fröhlichen und zuversichtlichen Fassade verbergen sie nur ihre pessimistische bzw. realistische Einschätzung der Lage. Sie befürchten, dass das Volk nicht mehr das Rückgrat hat, in aller Offenheit mit schlechten Zeiten konfrontiert zu werden und die ungeschönte Wahrheit zu erfahren. Offensichtlich glauben sie, dass die Amerikaner ihre immer wieder bewiesene Stärke eingebüßt haben, flexibel auf die Widrigkeiten des Wirtschaftszyklus zu reagieren, die Ärmel hochzukrempeln, sich im entscheidenden Moment an die Arbeit zu machen und das der Lage entsprechend Notwendige in Angriff zu nehmen.

Dennoch wird die Bankenkrise Amerika nicht langfristig schaden
Amerika hat die Weltwirtschaftskrise nicht nur überstanden, sondern ist daraus gestärkt hervorgegangen. Amerika hat den Herausforderungen des zweiten Weltkriegs getrotzt und später die Führungsrolle beim Aufbau einer neuen Weltordnung übernommen. Prinzipiell kann Amerika auch diese Bankenkrise meistern. Das gilt umso mehr, als die Finanzmärkte Ihnen heute eine Vielzahl von Instrumenten bieten, mit deren Hilfe Sie nicht nur Ihre Vermögenswerte absichern, sondern selbst in diesen schweren Zeiten sogar noch mehren können. Aber Sie müssen das Heft selbst in die Hand nehmen. Denn eines muss Ihnen klar sein: Keine Regierung der Welt kann ihren Bürgern eine finanziell sorgenfreie Zukunft garantieren.

Sie können zwar eine gewisse Anzahl von Finanzunternehmen, die den Kern des Finanzsystems bilden, unterstützen, retten oder sogar verstaatlichen. Aber die meisten anderen werden sehen müssen, wo sie bleiben – ganz gleich, was kommt. Aber selbst bei den Geretteten ist es natürlich denkbar, dass Aktionäre und Kreditgeber nicht ungeschoren davonkommen.

Die aktuelle Bankenkrise hat drei wichtige Gründe
Es gibt drei wichtige Gründe, warum die Regierung die laufende Krise nicht beenden kann:

  1. Das Ausmaß der Krise ist viel zu groß. Alleine der US-Immobilienmarkt umfasst 13 Billionen Dollar an Hypothekenkrediten, 111 Mio. Einfamilienhäuser und Hunderttausende von Investoren im In- und Ausland. Es handelt sich um die größte Anlageklasse der Welt und ist das Ergebnis der machtvollsten Angebots- und Nachfragekräfte, die jemals aufeinanderträfen. Die US-Automobilindustrie ist ebenfalls zu groß, um einfach gerettet zu werden. Dasselbe gilt für den gigantischen Markt von Finanzderivaten. Offiziellen Angaben zufolge beläuft sich der Nennwert aller ausstehenden Kontrakte auf 180 Billionen Dollar.
  2. Der amerikanische Staat ist selbst der größte Schuldner der Welt, der Tag für Tag neue Kredite aufnehmen muss. Die Bedürfnisse der Regierung haben selbstverständlich Vorrang vor denen ihrer besten Busenfreunde. Ihnen kann sie nur dann und solange unter die Arme greifen, wie ihre eigene Finanzierung sichergestellt ist. Schon jetzt schätzt die Regierung das zu finanzierende Haushaltsdefizit des kommenden Jahres auf 500 Mrd. Dollar.
  3. Amerika lebt bekanntlich seit geraumer Zeit auf Pump und ist von Krediten aus dem Ausland abhängig. Wenn die Politik Amerikas damit beginnt, in großem Stil Geld für unproduktive Zwecke zu vergeuden, besteht die Gefahr, dass die ausländischen Kreditquellen versiegen, was zu einem drastischen Zinsanstieg führen würde. Wo hier die Schmerzgrenze der Ausländer liegt, kann leider niemand vorhersagen.
Veröffentlicht am 17. September 2008
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