Wie Lebensmitteletikettierung Sie zum Träumen bringt

Wie Lebensmitteletikettierung Sie zum Träumen bringt

Kennen Sie das? Sie lesen „Argentinisches Rindfleisch“ und haben schon den Film einer glücklichen Herde, die in der grünen Pampa von glücklichen Gauchos gehütet, gepflegt, umsorgt und höchstpersönlich geschlachtet wird, vor Augen. Aber auch in Argentinien kennt man Massentierhaltung und Hormonbehandlung. Derlei Kennzeichnungen sind also mitnichten eine verbindliche Qualitätsaussage.

Der Zweck der Lebensmitteletikettierung

Für die Etikettierung sorgt das Unternehmen, für den Film, den Sie dann sehen, sorgen Sie. Das ist vom Unternehmen so kalkuliert und nicht umsonst existiert eine hohe Nachfrage nach Psychologen in der Werbe – und Marketingbranche. Diese Psychologen sorgen dann dafür, dass Bedarf gedeckt werden kann, den man gar nicht kannte, bevor sie ihn schufen.

Achten Sie einmal sorgfältig auf Ihre Assoziation, wenn Sie durch den Supermarkt gehen. Da lesen Sie "nach traditionellem Rezept", "Omas …kuchen" und vieles mehr. Sicherlich werden nicht wenige Kunden finden, dass diese Etikettierungen ein wohliges Gefühl schaffen. Ein Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit, das in Zeiten, in denen die wirtschaftliche Lage und damit das persönliche Sicherheitsgefühl mehr als in Frage gestellt ist. Ihnen soll suggeriert werden, dass das, was Sie kaufen, Ihnen ein Stück dieser Behaglichkeit zurückbringt.

Doch waren es ja gerade Großmutters Zeiten, in denen zweimal das komplette Volksvermögen vernichtet wurde. 1923 während der Inflation und in Folge des zweiten Weltkriegs 1945. Obwohl Ihre individuelle Empfindung Ihnen nicht abgesprochen werden kann und soll, war es mit Behaglichkeit und wirtschaftlicher Sicherheit zu Großmutters Zeiten im Allgemeinen nicht weit her. Machen Sie sich dies bewusst und lesen Sie die Etikettierung noch einmal. Aber machen Sie diesmal nicht bei ihr halt.

Was sich hinter dem Etikett verbirgt

Im Rheinland sagt man, alles was im zweiten Jahr in Folge stattfindet, sei bereits Tradition. Bei "traditionellen Rezepten" verhält es sich insbesondere im Fall von Konserven und Fertiggerichten oft nicht anders. Sehen Sie sich einmal die Zutatenliste an.

Sie werden insbesondere dort Geschmacksverstärker, Emulgatoren und Farbstoffe finden, die zwar allesamt zugelassene Lebensmittelzusatzstoffe sind, aber eben Zusatzstoffe und keine Lebensmittel. Diese sind oft notwendig um das Gericht haltbarer und schmackhafter zu machen, als es eigentlich ist.

Wird das Gericht frisch zubereitet, so ist es nach wenigen Tagen verdorben. Macht man es haltbar, so muss man bereits besonders behandelte Zutaten verwenden, oder das Gericht selbst durch Zusätze haltbar machen. Ein Fertiggericht nach "traditionellem Rezept" ist also dann ein Widerspruch in sich, wenn Sie erwarten, dass Sie damit ein natürliches oder naturbelassenes Produkt erhalten.

Beachten Sie daher das Wörtchen "nach". Ein Film nach einem Buch von Karl May meint in der Regel eine Adaption, also eine verkürzte, meist recht freie filmische Umsetzung der Geschichte, eben nach den Möglichkeiten des Filmgeschäfts.

Lesen Sie also "nach" auf einer Verpackung, so geht es in der Regel darum, ein Rezept, das man als "traditionell" bewertet, in die Zeit von Massenproduktion und Massenkonsum zu tragen. Es also so zu verändern, dass Sie es zu jeder Zeit kaufen und zu jeder Zeit verzehren können.

Die experto-Redaktion rät: Wirkliche traditionelle Rezepte gibt es meist nur im Kochbuch. Möchten Sie wissen, was sich in Ihrem fertig gekauften Essen befindet, so müssen Sie hinter das Etikett und auf die Zutatenliste schauen. Dort müssen nicht nur sämtliche Zusatzstoffe angegeben werden, sondern auch Kalorien und Fettgehalt. Dabei entpuppt sich auch manches Diätprodukt als Dickmacher.

Veröffentlicht am 26. November 2011
Autor
Markus Köhler