Private Internatsschulen – die bessere Alternative?

Beinahe gebetsmühlenartig, so der unabhängige Internatsberater Peter Giersiepen, werde in vielen Zeitungsartikeln seit geraumer Zeit das Credo verbreitet, dass öffentliche Schulen grundsätzlich schlecht und private Schulen grundsätzlich gut seien. Private Internatsschulen versuchten zudem, von der aktuellen Diskussion über die Notwendigkeit der Ganztagsschule zu profitieren.

Sind private Internatsschulen die besten Schulen überhaupt?
Als Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche praktisch rund um die Uhr betreuten, sähen sie in ihren Angeboten eine Steigerung gegenüber herkömmlichen Konzepten. Als Schlussfolgerung ergebe sich dann letztlich, dass  die private Internatsschule die beste Schule überhaupt sei.

Dieser Euphorie und den entsprechenden Werbestrategien gegenüber gießt der langjährige Internatsleiter und Familientherapeut allerdings tüchtig Wasser in den Wein. Die perfekte Ganztagsbetreuung, die auch vielen Eltern als Ideal vorschwebe, sei von den Internaten nur unter der Voraussetzung zu leisten, dass die hierzu notwendige materielle und personelle Ausstattung auch wirklich vorhanden sei.

Leider jedoch klagten Eltern und Schüler in zahlreichen Instituten immer noch über "zu viel Leerlauf sowie […] zu wenig tatsächlich vorhandene Lern-, Förder- und Freizeitangebote".

Verklärtes Bild der Internate in den Medien
Für die überraschende Tatsache, dass diese Mängel weitgehend unbekannt blieben und das verklärte Bild privater Internate somit kaum in Frage gestellt werde, hat Giersiepen eine einleuchtende Erklärung:

"Viele Eltern schämen sich nämlich, öffentlich oder im Bekanntenkreis ihre Unzufriedenheit über das von ihnen selbst gewählte Internat zu äußern, für das sie doch schon genug Geld ausgeben."

Ein weiterer Grund für die Idealisierung privater Internatsschulen dürfte aber auch darin liegen, dass kritische Stellungnahmen internatserfahrener Eltern und Schüler in die journalistische Berichterstattung gar nicht erst Eingang finden. Viele Journalisten berichten, dass kritische Informationen über Privatschulen bei den Entscheidern in den Redaktionsbüros nicht gefragt seien.

Die freie Autorin Birgitta vom Lehn beklagt, "dass Journalisten -gerade dann, wenn sie nicht nur Hofberichterstattung betreiben (PR wird ja super bezahlt) – mit kargen Honoraren überleben müssen."

Jubelberichte über private Bildungsanbieter
Jubelberichte über private Bildungsanbieter, oft verbunden mit medialem Bashing des staatlichen Bildungssystems, erscheinen zumeist, um ein freundliches redaktionelles Umfeld zu schaffen für die Anzeigenkunden von Sonderbeilagen.

"Liebe ZEIT-Redaktion", beschwert sich da der Kommentator eines äußerst wohlwollenden Berichts der Wochenzeitung über die Internatsschule Schloss Rohlstorf, "Ihre Neigung, über Internate und Privatschulen zu berichten, ist mittlerweile ärgerlich und lässt vermuten, dass in erster Linie die Anzeigenkunden, die auf den Seiten des Ressorts CHANCEN inserieren, bedient werden sollen und nicht die an schulischen Themen interessierten Leser.

Das öffentliche Schulsystem ist – zum Glück – immer noch die tragende Säule der schulischen Bildung in den Bundesländern, hier sollte der Schwerpunkt Ihrer Berichterstattung liegen."

Private Internatsschulen: PR-Journalismus auch im öffentlich-rechtlichen Bereich
Selbst im öffentlich-rechtlichen Hörfunk und Fernsehen haben Korruption, Schleichwerbung und Hofberichterstattung mittlerweile Einzug gehalten. Beiträge sind oft deutlich inspiriert von gewerbsmäßigen Vermittlungsagenturen, Privatinstituten oder Privatschulverbänden, deren Auskünfte ohne Gegenrecherche übernommen werden.

Schlechte Erfahrungen mit dieser Form journalistischer Gefälligkeit machte auch der Abiturient Felix L. anlässlich einer Reportage von WDR5 über das Landschulheim Schloss Buldern, im Anreißer-Text des Senders als "prominentes Beispiel" für Privatinstitute vorgestellt, in denen "Kinder wohlhabender Eltern die bestmögliche Schulbildung" erführen.

Zwar befragte die Rundfunkreporterin ihn und zwei seiner Mitschüler ausführlich darüber, welchen Zusammenhang sie zwischen "Reichtum und Bildungsreichtum" sähen. Gesendet wurde aber dann jeweils nur ein einziger Satz, passend zum Tenor der Hofberichterstattung und "total aus dem Zusammenhang gerissen".

Staatliche Schulen haben keine Lobby
Öffentliche Schulen, die nirgendwo inserieren oder kostenpflichtige PR betreiben, können sich demgegenüber kaum angemessen in Szene setzen. Der "Deutsche Schulpreis" der Robert-Bosch-Stiftung und "stern" oder der Wettbewerb "Starke Schule", der von den Kultusministerien der Länder in Kooperation mit zahlreichen Wirtschaftspartnern sowie der Bundesagentur für Arbeit ausgeschrieben wird, bilden kaum ein Gegengewicht zu dem medialen Trommelfeuer zu Gunsten privater Schulen.

So stellt die FAZ-Redakteurin Regina Mönch resigniert fest: "Die staatliche deutsche Schule wird schlechter geredet, als sie ist, und es fehlt ihr an glaubwürdigen Verteidigern. Bedrohte Apfelsorten und Auerhähne hätten es leichter."

Wer sich ein realistisches Bild über die Welt der privaten Internatsschulen verschaffen will, wird häufig (noch) in Internet-Chats fündig. Aber auch hier versuchen private Anbieter – oft mit juristischen Mitteln oder unter Missbrauch von wirtschaftlicher Macht und hilfreichen Netzwerken –  negative Informationen zu unterdrücken oder durch "positive Erfahrungsberichte" zu neutralisieren.

Privatschulpropaganda im Dienst der Refeudalisierung der Gesellschaft
Die Journalistin Anne von Blomberg warnt in diesem Zusammenhang vor einer Entwicklung, die Millionen Deutsche mehr gefährde als die so viel bekämpfte Globalisierung. Es gebe wieder eine nur über den Reichtum definierte Oberschicht, die ihre Privilegien nicht mit dem Schwert des Ritters verteidige, wie die alten Adelseliten, sondern mit Rechtsanwälten und korrupten Politikern.

Was hier gemeint ist, schildert Ex-Finanzminister Peer Steinbrück anschaulich in einer Passage seines kürzlich erschienenen Buches "Unterm Strich". Zitat:

"Ich bin in all den Jahren als Minister manchmal Maklern, Investmentbankern und Jungunternehmern begegnet, die von einer erschreckenden Dünkelhaftigkeit, Selbstbezogenheit und Herablassung gegenüber dem gemeinen Volk waren. Sie nehmen Luft, Wasser, Erde, also öffentliche Güter, wie selbstverständlich für ihre privaten Baupläne, Sportaktivitäten und Hobbys in Anspruch.

Sie bauen Häuser bedenkenlos in Landschaftsschutzgebiete dank guter Beziehungen zu einer korrupten Kommunalpolitik. Sie nutzen ausländische Steuerstandorte und filigran ausbaldowerte Steuersparmodelle, um dem deutschen Fiskus nur ja keinen Cent zu viel zu überlassen. Sie verachten die Politik und wählen, wenn überhaupt, diejenige Partei, die sie am wenigsten in ihren Kreisen stört.

Nicht selten tauchen in ihrem Schlepptau schwer erziehbare, weil völlig verwöhnte Kinder auf, die dann auf Internate mit der Begründung geschickt werden, dass die öffentlichen Schulen in Deutschland zu schlecht seien."  

Veröffentlicht am 18. Februar 2011
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