Sozial- und Bildungsmanagement

Internat, Privat- oder Internatsschule? Die totale Begriffsverwirrung

Wer von Internaten spricht, meint zumeist Internatsschulen. Da die überwiegende Zahl der Internatsschulen von nichtstaatlichen Trägern unterhalten wird, werden die Begriffe Internatsschule und Privatschule vielfach synonym gebraucht. Der Privatschule schreibt man zudem – dank einer gezielten Medienpropaganda von Privatschulverbänden und Internatsvermittlern – das Attribut zu, per se die “bessere Schule” zu sein.

Dieses höherwertige Bildungsangebot, so die weit verbreitete Meinung, sei zudem notwendigerweise sehr kostspielig. Für Internate gelte somit der Grundsatz: "Je teurer desto besser". Hieraus erklärt sich auch die Verwendung des Begriffs "Elite-Internate" allein aufgrund der preislichen und damit sozialen Exklusivität bestimmter Institute.
All dies ist allerdings falsch oder zumindest nur halb richtig. Daher an dieser Stelle einige notwendige Anmerkungen zu einer realistischeren und differenzierteren Betrachtungsweise.

Was heißt "Internat"?
Der Begriff "Internat" (von lateinisch. internus = im Inneren befindlich, vertraulich) bürgerte sich erst im 19. Jahrhundert ein. Eine ältere Bezeichnung lautete "Alumnat", die heute aber nur noch im Zusammenhang mit den Internatsabsolventen ("Alumni", "Alumnen") Verwendung findet. Internate bzw. Alumnate wurden als "Schülerheime" ursprünglich anderen Einrichtungen angegliedert (Fürstenhof, Klosterschule, Domschule, Universität).

Schöner lernen im Palazzo prozzo?
Ihre Stärke sehen preislich exklusive Internatsschulen demgegenüber in anspruchsvollen erzieherischen Konzepten ("Verantwortungselite"), der karrierefördernden Wirkung ihrer Altschüler-Netzwerke, einer internationalen Orientierung durch einen hohen Anteil ausländischer Schüler, einer gepflegteren Lernumgebung und Lernkultur, einer Intensivierung der schulischen Unterstützung (kleinere Lerngruppen) insbesondere für schwächere Schüler, familienähnlichen Betreuungsformen oder besonders attraktiven Freizeitangeboten.

Der Typus der "Internatsschule" im Sinne einer engen (auch personellen) Verbindung von Unterricht und Erziehung ist in Form der Fürstenschule, Kadettenanstalt, Ritterakademie, des protestantischen Lehrer- oder katholischen Priester-Seminars, des Philanthropinums, Jesuitenkollegs, Pädagogiums, usw. zwar bereits in früheren Jahrhunderten nachgewiesen. In Mode kommt die Internatsschule oder "Heimschule" allerdings erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts (Landerziehungsheime, Landschulheime).

Verschiedene Internatstypen
Heute dominiert unter den rund 350 deutschen Internaten, die von Schülern allgemeinbildender Regelschulen besucht werden, zwar der Typ der Internatsschule (Schülerheime als Internate ohne eigene Unterrichtseinrichtungen halten nur noch einen Marktanteil von ca. 20 Prozent).

Doch haben sich die noch in den 1950er und 60ger-Jahren weit verbreiteten "Heimschulen", die ausschließlich oder weit überwiegend nur die eigenen "Internen" unterrichteten, zum größten Teil in "Schulen mit angeschlossenem Internat" verwandelt, in denen eine große Zahl externer Schüler einer relativ kleinen Zahl von Internatsschülern gegenüber steht.

Allerdings ist der Begriff der Heimschule unter dem Druck einer stark schwankenden Auslastung der Aufnahmekapazitäten selbst unscharf geworden. Vermehrt werden in den "Heim-" oder "Wohnschulen" auch Schüler aufgenommen, die entweder nur die (private) Internatsschule besuchen, ohne im Internat zu wohnen, oder umgekehrt zwar im Internat wohnen, aber statt der internen Schule eine benachbarte (zumeist öffentliche) Schule einer anderen Schulform besuchen.

Mit der Gründungswelle von Sportinternaten erlebt gleichzeitig der Internatstyp des Schülerheims eine Renaissance. Der Hauptgrund liegt in der Erfordernis einer strengen Bewerberauswahl als Voraussetzung der Eliteförderung. Die den Eliteschulen des Sports angegliederten oder von Sportvereinen unterhaltenen Internate nehmen grundsätzlich nur wenige Spitzentalente auf. Durch die geringe Zahl der Belegplätze tragen sich eigene Unterrichtseinrichtungen nicht, so dass die Kooperation mit guten öffentlichen (in Ausnahmefällen auch privaten) Schulen gesucht wird.

Die staatliche Anerkennung bürgt nicht für Qualität!
Noch immer wissen viel zu wenige, dass auch private Schulen in erheblichem Umfang vom Staat finanziert werden, also vom Geld der Steuerzahler. Um in den Genuss der staatlichen Zuschüsse nach den Ersatzschulfinanzierungsgesetzen der Länder zu gelangen, müssen Schulen privater Träger sich den Vorgaben des staatlichen Schulwesens weitgehend anpassen (Lehrpläne, Leistungsanforderungen und Benotungskriterien, Qualifikation der Lehrkräfte, Aufnahme- und Versetzungsbestimmungen).

In der Regel nach einem erfolgreich durchlaufenen Anerkennungsverfahren von mehreren Jahren verleiht das Kultusministerium der Privatschule dann das Prädikat "staatlich anerkannte Ersatzschule". Damit sind Versetzungsentscheidungen, Zeugnisse und Abschlüsse der Privatschulen denjenigen staatlicher Schulen in ihrer rechtlichen Wirkung gleichgestellt.

Neben den staatlich anerkannten privaten Ersatzschulen gibt es unter den privaten Internatsschulen allerdings auch Einrichtungen eines minderen Rechtsstatus. Diese sind dann lediglich "staatlich genehmigte Ersatzschulen" oder sogar nur allgemeinbildende "Ergänzungsschulen". Solchen Privatschulen, zu denen beispielsweise die Waldorfschulen gehören, werden dann zwar größere Freiheiten bei der Schüleraufnahme und der Unterrichtsgestaltung zugestanden. Zeugnisse, Versetzungsentscheidungen und Abschluss-Zertifikate sind jedoch nicht staatlich anerkannt, das heißt für andere Schulen, Ausbildungsbetriebe, Universitäten usw. nicht bindend.

Wer etwa nach dem Besuch einer solchen Einrichtung ein staatlich anerkanntes Abitur ablegen will, muss sich einer so genannten Externen- oder Schulfremdenprüfung unter staatlicher Aufsicht stellen. Die Voraussetzungen der staatlichen Anerkennungsverfahren sind im Übrigen nur als Minimalanforderungen zu betrachten und relativ leicht zu erfüllen. Ein offenkundiger Widerspruch liegt darin, dass Privatinstitute sich gegenüber staatlichen Lehranstalten zwar gern als "bessere Schulen" profilieren, den Nachweis ihrer Leistungsfähigkeit aber in aller Regel darauf stützen, dass die Durchschnittsnoten ihrer Absolventen nicht hinter denjenigen der Schüler staatlicher Schulen zurückbleiben. Schon um diesen Nachweis erbringen zu können, sind Privatinstitute oft auf mancherlei Manipulationstechniken angewiesen.  

Echte Elite-Internate sind besonders kostengünstig!          
Internatsschulen bieten ein außerordentlich vielgestaltiges Bild. Ein Viertel der Bildungsstätten befinden sich in staatlicher Trägerschaft, darunter etliche, die als Angebote für hochleistende Hochbegabte respektive hoch Befähigte oder als Spezialschulen mit bestimmten Fächerschwerpunkten zu den besten Schulen der Republik gehören.

Sie allein können für sich in Anspruch nehmen, echte Eliteschulen im Sinne einer Auswahl der Besten (lateinisch: eligere) zu sein. Die von den Eltern aufzubringenden Kostenbeiträge liegen dank hoher staatlicher Subventionen so niedrig, dass kein Bewerber, der die strengen Aufnahmekriterien erfüllt, aus finanziellen Gründen abgewiesen werden muss. Zudem sorgen landesweite Meldesysteme dafür, dass die Bewerberelite gezielt angesprochen und zur Wahrnehmung dieses Angebots eingeladen werden kann.

Private Anbieter, die exzellente Schülerinnen und Schüler auf einem freien Bildungsmarkt rekrutieren müssen und die notwendigen Stipendienfonds zumeist nur dadurch aufpolstern können, dass sie Spenden von Besserverdienern einwerben, deren häufig problematischer Nachwuchs dank der elterlichen Großzügigkeit von dem Image einer "guten Schule" profitiert, können da nicht mithalten.

Allerdings sollte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, dass die Kundschaft privater Internate sehr häufig dem "Mythos von der guten Schule" aufsitzt. Viele der oben aufgeführten Vorzüge sind real gar nicht vorhanden, sondern beruhen auf schönfärberischen Reklameversprechungen oder Glaubensüberzeugungen, die einer wissenschaftlichen Nachprüfung nicht standhalten.

So haben Privatschulen, auch wenn ihnen Internate angegliedert sind, generell keine kleineren Klassen als staatliche Schulen. Es gibt auch keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen der Klassengröße und der Schülerleistung. Eine besonders noble Lernumgebung wirkt sogar leistungshemmend. Schöner Lernen im Palazzo prozzo ist so besehen rausgeschmissenes Geld. Es geht in noblen Privatinstituten auch nicht ruhiger und gediegener zu als an öffentlichen Lehranstalten.

Im Gegenteil wirken die meisten öffentlichen Lehranstalten weniger krisenanfällig, stabiler und zuverlässiger. Dies wurde der Öffentlichkeit erst kürzlich wieder bewusst, als das deutsche Vorzeige-Internat Schloss Salem auf seine 90-jährige Geschichte zurückblickte. Diese könne, so Salem-Vorstand Robert Leicht in der ZEIT, statt als Erfolgsgeschichte ebenso gut "als Krisen-, in wesentlichen Phasen sogar als reine Überlebensgeschichte geschrieben werden".

Es ist unter Internats-Insidern auch kein Geheimnis, dass der angebliche „Mehrwert“ teurer Wohnschulen ganz unterschiedlich eingeschätzt wird, und es neben manchen guten auch viele negative Erfahrungen und entsprechende Beschwerden enttäuschter Eltern gibt. Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt.

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Ulrich Lange