Sozial- und Bildungsmanagement

Das Christentum und die Emanzipation der Gläubigen: Selbstbewusstsein

Das Christentum und die Emanzipation der Gläubigen: Selbstbewusstsein
geschrieben von Dr. Britta Kanacher

Das Christentum ermöglichte in gewisser Weise die Emanzipation der Gläubigen. Dies wurde vor allem durch die im Urchristentum angelegte persönliche Beziehung eines Menschen zu Gott möglich. Die urchristliche Religionsform zeigt jedem Menschen zwar auch Grenzen auf, aber innerhalb dieser kann er sich frei entwickeln.

Hierdurch kann die Einschätzung formuliert werden, dass die religiöse Ordnung des Urchristentums zu innerer Freiheit führt. Hierdurch bietet es die Möglichkeit einer sich selbst bewussten Entfaltung. Jeder Gläubige erhält in religiösen Belangen durch die persönliche Beziehung zu Gott "charismatisches Selbstbewusstsein".

Doch die Institution Kirche schränkte dieses Selbstbewusstsein ein. Sie schob sich als Mittlerinstanz zwischen Gott und den Gläubigen. In der kirchlichen Glaubenskonstellation wird Gott, im Gegensatz zur persönlichen Bezugsperson des Urchristentums, wieder zu einem psychologischen Gegenüber.

Gott wird wieder, ähnlich wie zuvor im Judentum, zum allmächtigen Gegenüber. Eine persönliche Beziehung zu Gott wurde unmöglich. Ausschließlich als Mitglied der Institution Kirche, in Anerkennung ihrer Mittlerfunktion, konnte der Gläubige sein Heil erlangen.

Charismatisches Selbstbewusstsein gegen institutionalisierte Gläubigkeit
Beide Haltungen, urchristliches charismatisches Selbstbewusstsein und institutionalisierter Glaube, sind im Laufe der Geschichte immer wieder Ausgangspunkt für Diskussionen gewesen und bis heute geblieben. Individuelles Verhalten und innovative Veränderungen gründen sich im Dualismus dieser beiden Positionen. Wobei immer auch die Dialektik von Staat und Kirche gegeben war.

Seit der Gründung der Institution Kirche wurde das Christentum geprägt von der Dialektik des "charismatischen Selbstbewusstseins" der Gläubigen und den kollektiviert orientierten Bestrebungen, wie sie von der Kirchenhierarchie angeregt wurden.

Dabei können Kompromissbereitschaft und Anpassungsfähigkeit als Grundbefähigungen des Christentums erachtet werden. Sie ergaben sich ganz selbstverständlich aus dem Fehlen sozialreformatorischer Absichten des Christentums und der prinzipiellen Anerkennung der Staatsgewalt.

Das Christentum prägte auf dieser Basis über viele Jahrhunderte die Entwicklung im abendländischen Raum. Dabei konnte nur auf der Grundlage des Lutherischen Glaubensverständnisses die Aufklärung einen Prozess der steten Emanzipation des Gläubigen von seiner Religionsform, dem Christentum, hervorbringen.

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Dr. Britta Kanacher

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