Japanisch

Wann man sich in Japan für einen „Wikinger“ entscheidet

Wann man sich in Japan für einen "Wikinger" entscheidet
geschrieben von Naomi Wieland

Wie in vielen anderen Sprachen gibt es auch im Japanischen Fremdwörter. Dabei ist meistens der Sinn des Fremdwortes mit dem der Herkunftssprache identisch. Es gibt jedoch auch Ausnahmen. Eine Ausnahme stellt in Japan das Fremdwort „Wikinger“ dar. Aber lesen Sie selbst!

Die japanische Silbenschrift Katakana カタカナ wird bei Fremdwörtern gebraucht, deren Ursprung nicht im japanischen Sprachfeld liegt. Viele dieser Wörter stammen, geschichtlich bedingt, zum Beispiel aus dem Englischen, Portugiesischen oder Deutschen.

Aufgrund der begrenzten Anzahl an Silben ist es aber nicht immer trivial, das japanische Fremdwort in der jeweiligen Herkunftssprache wiederzuerkennen. Beispielsweise heißt das deutsche Wort "Arbeit" im Japanischen arubaito アルバイト und bedeutet "Teilzeitarbeit" oder "Aushilfstätigkeit". In den meisten Fällen bleibt der Sinn der entliehenen Wörter weitestgehend erhalten, doch was passiert, wenn etwas völlig anderes mit ihnen assoziiert wird?

Ein anschauliches Beispiel: Das japanische Wort baikingu

Denken Sie kurz über das Wort baikingu バイキング nach: Aus welcher Sprache könnte es stammen? Welche Bedeutung mag es haben? – Englisch ist naheliegend und mit ein wenig Übung im Umgang mit dem japanischen Silbensystem kommt man schließlich auf das englische Wort "Viking", zu Deutsch "Wikinger".

Entgegen jeder Erwartung wird es nicht als Bezeichnung für einen Volksstamm verwendet, sondern als Synonym für ein "Buffet-Restaurant" oder "All-You-Can- Eat-Restaurant". Obwohl zwar ein entsprechendes japanisches Wort tabehôdai 食べ放題, also "essen, so viel man will", existiert, wird dies in den seltensten Fällen benutzt.

In einem baikingu-Restaurant in Japan kann man zu einem Pauschalpreis so viel essen, wie man möchte. Ein gemütliches Genießen ist allerdings meist nicht möglich, da eine in Deutschland eher unübliche maximale Aufenthaltszeit von etwa neunzig Minuten besteht. Kurz vor Verstreichen der vorgegebenen Zeit wird man vom Personal nochmals auf die Endzeit hingewiesen oder für jede darüber hinausgehende Zeit wird eine Zusatzgebühr fällig.

Ursprung der Assoziation von "Wikinger" mit "All You Can Eat"

Die Entstehungsgeschichte begann im Jahre 1957, als der damalige Direktor des Imperial Hotels Inumaru Tetsuzô 犬丸 徹三 nach Dänemark reiste. Er stieß während seiner Reise auf den Restaurant-Typ, bei dem man selbstständig aus unterschiedlichen, bereits angerichteten Speisen aussuchen kann, was man gerne essen möchte.

1958 eröffnete er im Imperial Hotel das erste Buffet-Restaurant in Japan und gab ihm den Namen "baikingu". Mit diesem Namen sollte man seiner Meinung nach Nord-Europa assoziieren und gleichzeitig sollte der Name leicht von den Japanern aussprechbar sein. Aufgrund dieser innovativen Wortschöpfung fand der Ausdruck "baikingu" in Japan seine Verbreitung.

Bei scheinbar englischen Wörtern ist Vorsicht geboten

Anhand des eben diskutierten Beispiels des angeblich englischen Fremdwortes "Wikinger" zeigt sich, dass bei der voreiligen Benutzung von Fremdwörtern im Japanischen Missverständnisse bei der Kommunikation mit Japanern vorprogrammiert sind.

Diese Gruppe von vermeintlich englischen Begriffen mit veränderter Bedeutung wird als wasei eigo 和製英語 bezeichnet. Dieses Sprachphänomen existiert aber auch in anderen Ländern, wie beispielsweise in Deutschland. Bei uns werden solche Wörter als "Scheinanglizismen" bezeichnet. Als ein bekanntes Beispiel ist hier das Handy zu nennen, welches im Englischen "mobile phone" oder "cell phone" heißt.

Um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, sollte man am besten bei unpassend oder seltsam wirkenden Fremdwörtern Rücksprache mit einer einheimischen Person halten. Zumindest wissen Sie jetzt, wann man sich in Japan für einen "Wikinger" entscheidet!

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Naomi Wieland

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