Dr. Karin Wettig

Operngesang oder Belcanto oder beides?

Artikel von Dr. Karin Wettig

Operngesang oder Belcanto oder beides?!? Was ist denn nun richtig?

Die Wurzeln des Begriffes Belcanto

Belcanto, eigentlich italienisch bel canto, der schöne Gesang, ist ein Fachbegriff für die Gesangstechnik, die in Italien zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Rahmen von Musiktheater-Aufführungen entstand. Das besondere Merkmal dieser Art von Operngesang ist die Technik des Legatosingens, der Messa di Voce und vor allem die kunstvollen Verzierungen aus der musikalischen Rhetorik der Barockzeit: Appoggiaturen, Koloratoren und Fiorituren. Donizetti, Bellini und Rossini sind die Hauptkomponisten dieses Stils im 18. Jahrhundert. Die Verismo Oper des 19. Jahrhunderts mit Verdi, Wagner, Meyerbeer und weiteren Komponisten erfordert durch den großen Orchesterumfang eine besonders intensive Körpertechnik für die Oper. Von 1810 bis 1845 galt Belcanto als Sammelbegriff für die Opernkompositionen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wich die barocke Rhethorik mehr einer stark expressiven dramatischen Darstellung, bei der die emotionale Gewalt im Vordergrund stand und die Verzierungen in den Hintergrund traten. Heute wird Belcanto als Begriff einfach mit italienischer Stimmtechnik für Operngesang gleichgesetzt. Das Ziel ist, die natürliche, volle, raumfüllende Stimme zu entwickeln.

Canto würde eigentlich auch schon ausreichen! Doch mit den ersten 3 Buchstaben steht und fällt die Opernwelt. Der schöne Gesang, sprich Operngesang, wurde kurz vor 1600 von Claudio Monteverdi aus der Taufe gehoben, ausgerechnet von Monteverdi, dem Venezianischen Domkapellmeister, einem eingefleischten Kirchenmusiker und anerkannten Kirchenkomponisten: Sakrileg und geniale Idee zugleich! Er machte die Commedia dell’arte nach antikem Vorbild mit Musik hoffähig und aus der dieser Heirat von Wort und Ton entstand das Wunder der italienischen Oper kurz nach 1600 in einer Zeit des musikalischen Umbruchs von den sogenannten Kirchentonarten zum heutigen System mit Dur und Moll. Aus dieser Heirat von Kirche und Theater entsprangen kurz darauf viele Opernsprösslinge aus Monteverdis Feder wie „die Krönung der Poppea, Arianna, Odysseus und wie sie alle heißen.

Ein paar Bemerkungen zur Historie des Belcanto

Belcanto war zuerst nur den Männern vorbehalten, daher sangen den Sopran Kastraten, d.h. sogenannte Evirati, Männer, deren Verlust der Zeugungsfähigkeit im Kindesalter durch guten Verdienst im Chor des  Vatikans oder der Theaterbühne ausgeglichen wurde. Nicht unschuldig waren die Päpste an diesem Frevel, denn in der Cappella Sixtina durften nur entmannte Knaben in ihrem Sängeramt bleiben, sobald sie erwachsen wurden. Als Kastrat und Belcantosänger mit der männlichen Lunge und der beweglichen Sopranstimme in Frauenlage konnte man damals Millionär werden: Farinelli, der Liebling des spanischen Königs ist das beste Beispiel. Ab 1850 erst tauchen Frauen auf der Opernbühne auf und der Canto fiorito, der verzierte Gesang weiblicher Stimmen, wird auch auf die Bühnen getragen. Die barocke Rhetorik des 17. Jahrhunderts trennte keineswegs zwischen weltlichen und geistlichen Themen und so finden wir in der Kirchenmusik Bachs und Händels die gleichen Effekte wie in Händels Opern und Bachs weltlichen Werken.

Was ist denn Belcanto wirklich?

Unter Belcanto versteht man heute die klassische italienische Schule der Gesangstechnik:
Legato, Messa di voce, Appoggiaturen und Portamenti, Koloraturen und Fiorituren sind die typischen Elemente. Der gleiche Begriff gilt auch in Italien für die Opern von Rossini, Bellini und Donizetti von 1810 bis 1850. Auf der Basis dieses frühen Belcanto entwickelte sich der Opernstil der Verismo Opern von Verdi bis hin zum totalen dramatischen Theater Wagners, der ein Gesamtkunstwerk anstrebte.

Wie lernt man Belcanto heute?

Das ist leichter gesagt als getan. Belcanto lernt man durch das Studium der altitalienischen Arien aus dem 17. und 18. Jahrhundert, der Opernliteratur der Belcanto-Komponisten Rossini, Bellini und Donizetti, später der Arien Mozarts und Verdis. Nach dem Motto – aller guten Dinge sind drei – lernt ein Sänger in der Ausbildung drei wichtige Funktionen, nämlich die drei wichtigen italienischen Begriffe mit A:

Avanti – Vordersitz

Appoggio – Stütze

Alto in palato – der hohe Bogen des weichen Gaumens

Dazu braucht es nur noch den korrekten Einsatz des Körpers und des Pyramidenmuskels, umgangssprachlich oder amerikanisch- „Bikini“ genannt, damit die Stimme rund und raumfüllend erklingt. Avanti, der Vordersitz der Stimme, ist dafür zuständig, dass der Text verständlich bleibt; Appoggio, die Stütze, sorgt für die Klangfülle im Raum und die muskuläre Verbindung von Atem, Zwerchfell und Körper. Alto in palato, der hohe Gaumenbogen, ist für die volle Obertonreihe verantwortlich, die den satten, runden Ton einer Profi-Sängerstimme erzeugt. Wer diese Funktionen alle beherrscht, hat die Kathedrale bzw. das Operntheater für seine Stimme aufgebaut und kann damit das Publikum verzaubern wie Orpheus die Schicksalsgötter, um seine zu früh verstorbene Eurydike mit dem KLang seiner Lyra zurückzuholen.

Fachleute und Könner des Belcanto

Der schweizerische Gelehrte, Frederick Husler, hat eine bedeutende, wissenschaftlich- praktische Studie unter dem schlichten Titel – Singen – vorgelegt, wo große Opernstimmen technisch dokumentiert sind auf CD und aus seiner fachlichen Sicht kommentiert. Wer Gesang studiert, kann sich dort wertvolle Anregungen holen.

Mein Fachbuch „Sänger ABC- Belcanto, singen kann doch jeder!“ – ist eine praktische Anleitung für alle Sänger, Chorsänger, Solisten, Opernsänger und alle Menschen, die mit der Stimme auf der Bühne arbeiten. Die korrekte Stimmtechnik wird dort leicht verständlich, ohne wissenschaftlichen Ballast, ohne Trällerübungen und Noten nachvollziehbar beschrieben. Ein ausführliches Literaturverzeichnis mit hilfreichen kurzen Rezensionen zur aktuellen Fachliteratur über Gesang und Stimmtechnik ergänzt das Büchlein und macht es zu einem wertvollen Nachschlagewerk für werdende Sänger, Laien und Profis.

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Belcanto & Gesundheit

Die Belcanto Technik der italienischen Schule ist die einzige Art zu singen, die den Kehlkopf vollkommen entlastet und das Singen mühelos macht, indem der Körper dem Kehlkopf die Arbeit abnimmt. Als Musterbeispiel für Beherrschung dieser Technik möchte ich hier nur Edita Gruberova nennen. Dadurch dass die Muskelarbeit hauptsächlich auf Bauch, Beckenboden und die Zwischenrippenmuskulatur verlagert wird, arbeitet die Stimme mit der Kraft natürlicher Deklamation, die von Babies bereits nach der Geburt meisterhaft beherrscht wird, doch leider durch falschen Muskelgebrauch und Stress später wieder verloren geht. Der Popsänger aus der Gruppe Tokio Hotel, Bill, hätte sich seine Kehlkopfoperation leicht ersparen können, wenn er diese Technik des korrekten Gebrauchs der Stimme und des Kehlkopfes erlernt und benutzt hätte. Viele Popstars würden das Publikum noch viel mehr mitreissen, wenn sie die Geheimnisse der natürlichen Stimmentfaltung kennen würden. Warum ist Amy Whitehouse so stark in den Charts und hat zahlreiche Hits produziert? Ganz einfach: sie nutzt ihre natürliche große Stimme auf eine wunderbar entspannte, natürliche Weise, ohne sich anzustrengen und das macht die Leute, wenn es emotional gut rüberkommt, einfach rasend.... Sie ist in der glücklichen Lage, dass sie wie manche Opernsänger von Natur aus eine gute Stimmtechnik hat, ohne das bewußt zu wissen... das ist jedoch eher bei Sängern die Ausnahme als die Regel. Der weltberühmte Tenor, Enrico Caruso, war in jungen Jahren unter Kollegen als "Säuseltenor" verschrieen, weil er offenbar den perfekten Glottisschluss noch nicht so gut beherrschte, sodaß der Stimmklang hauchig wirkte. Später hat er durch Training alle Mängel bis zur Perfektion ausgeglichen und wurde berühmt.

Belcanto, der schöne Gesang, bezeichnet grundsätzlich also die gleiche Technik des Singens wie beim Operngesang und hat sich seit dem 17. Jahrhundert einfach als Fachbegriff für italienische Gesangstechnik eingebürgert. Ich persönlich mag den Begriff, weil er die Schönheit der Stimme in den Vordergrund stellt. Die korrekte Anwendung dieser Gesangstechnik entfaltet allerdings nicht nur das persönliche Timbre und die volle klangliche Schönheit der Stimme, sondern formt auch das Gesicht zu einem schönen, strahlenden Ausdruck und bringt den Körper in die optimale Balance. Leider wissen dies nicht alle Gesangslehrer korrekt anzuwenden.

Gesang, Belcanto, Operngesang und entspanntes, lautes Deklamieren heilen das Kehlkopfchakra, öffnen es für einen gesunden Energiefluss und den natürlichen Ausdruck der Person. Das baut Selbstvertrauen auf, bringt Gefühle zum Fließen und berührt die Herzen der Zuhörer.

Viva il Belcanto
Dr. Karin Wettig

 

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