von Thuy Tran, veröffentlicht in Asienreisen
Die Höflichkeit der Chinesen
Wie sehr China auch fasziniert, so schrecken doch einige Westler nach anfänglicher Euphorie davor zurück, mit Chinesen Geschäfte zu machen, da sie diese nicht zu verstehen glauben. Eine große Schwierigkeit ist die Höflichkeit der Chinesen. Tipps von Europäern, die schon mal mit Chinesen zu tun haben, wie "Chinesen müssen Dich erst dreimal das Gleiche fragen, bevor Du wirklich zustimmen darfst", rühren von nicht ungefähr.
Tatsächlich geht es den Chinesen vor allem um "das Gesicht wahren", und das nicht nur bei sich, sondern auch bei anderen. Aus diesem Grund würden sie eine Absage niemals direkt hervorbringen, sondern erst um den "heißen Brei reden", "verschönern", "sich selber Vorwürfe machen", bevor sie dann zaghaft mit der Sprache herausrücken. Oder noch besser: Die Absage nur andeuten mit der Erwartung, dass der Gegenüber genau weiß, dass er oder sein Vorschlag abgelehnt wird.
Nun könne man behaupten, dass das bei uns im Westen auch gibt. Wenn sein Vorgesetzter einen Fehler macht – wer weist ihn schon gerne als Mitarbeiter direkt darauf hin! Hier würde ein Durchschnitts-Angestellter auch versuchen, diesen Fehler zu umschreiben und vielleicht sogar auf sich zu nehmen, nur um seinen Chef z. B. vor einer größeren Runde nicht zu blamieren.
In China ist es jedoch so, dass diese Art von Höflichkeit nicht nur unter Untergebenen und Vorgesetzten stattfindet, sondern auch zwischen guten Freunden und sogar Verwandtschaften. Die Schwierigkeit für Europäer liegt darin, dass die Chinesen diese Art der Kommunikation kennt und meistens richtig deuten können, während ein Europäer völlig unbedarft die Andeutungen und die "Zeilen dazwischen" nicht versteht und daher auch nicht darauf reagieren können.
Leider gibt es für so eine Verhaltensweise nicht wirklich eine Formel oder ein Rezept nach dem Motto: "Wenn er das sagt, meint er das" oder "muss man dann zustimmen", etc. Jede Situation ist anders und es erfordert ungemein viel Fingerspitzengefühl und auch Menschenkenntnisse. Vor allem ist solch eine Unterhaltung ungemein anstrengend.
Beispiele für die chinesische Höflichkeit
Ein Beispiel: Sie sind mit einem chinesischen Freund oder Geschäftspartner unterwegs und wollen ihm als Gastgeber die Umgebung ein bisschen zeigen. Nach einer Weile sagt dieser: "Es tut mir Leid, dass ich Ihnen solch einen Umstand mache und Ihre Zeit beraube, um mir diese schönen Landschaften zu zeigen. Bestimmt haben Sie jetzt wegen mir viel Zeit verloren und sind auch müde und durstig." Übersetzt: "Es ist nett gemeint, dass Sie mir die Umgebung zeigen wollen, aber meinen Sie nicht auch, dass es jetzt reicht? Ich habe Hunger und will wieder zurück. Es warten noch andere Termine auf mich."
Nun dürfen Sie natürlich nicht beleidigt sein und den Spaziergang sofort abbrechen. Zwar sollen Sie nun versuchen, den Spaziergang zu beenden, aber nicht abrupt und offensichtlich, sondern so, als sei die Strecke geplant und abgestimmt. Sie könnten wie folgt erwidern: "Oh, ich bitte Sie, fühlen Sie sich wie zu Hause! Sie machen mir gar keine Umstände. Aber Sie haben Recht, ich hätte tatsächlich ein wenig Hunger und Durst. Sollen wir nicht dort einkehren und uns ausruhen? Wenn es uns nicht gefällt, können wir auch gerne bei uns in der Firma (zu Hause) etwas essen und trinken. Das ist nicht mehr weit, nur noch 10 Minuten."
Damit ist für den Chinesen klar: "Wir gehen wieder zurück und dort ist etwas vorbereitet zum Essen und Trinken!" Es ist nur ein Beispiel, aber daran können Sie erkennen, wie kompliziert es für einen Chinesen ist, seine Wünsche zu äußern.
Ein anderes Beispiel für chinesische Höflichkeit machte ich auf meiner Reise in China. Mit einem Freund, der allerdings "deutscher" aussah als ich, war ich im Süden Chinas. Wir hatten uns Fahrräder ausgeliehen und wollten auf diese Weise uns die Stadt anschauen. Nach einer Weile jedoch bemerkte ich, dass mein Reifen platt war. Aber dies war kein Problem, denn in China konnte man an jeder Straßenecke eine Fahrrad-Reparatur-Stelle finden, wo man auch Fahrräder für wenig Yuan aufpumpen oder flicken lassen konnte.
So eine Stelle fanden wir auch und dort ließ ich mein Fahrrad aufpumpen. Der Besitzer wollte aber daraufhin kein Geld annehmen – vielleicht, weil ich den deutschen Freund dabei hatte. Dieser Freund hatte auch ein kleines Problem an seinem Fahrrad, welches von dem Besitzer auch sofort repariert wurde. Wieder wollte der Fahrradreparateur kein Geld annehmen.
Ich wusste, dass er das Geld annehmen wollte, aber da er bei meinem Reifen abgelehnt hatte, war es ihm nun peinlich, von dem Europäer nun Geld anzunehmen. Jetzt einfach wegzufahren, würde ihn kränken, aber ihm das Geld zu geben, würde ihn auch kränken. Ich saß also in der Falle. Und von mir, die ja chinesisch aussah, erwartete er nun eine Lösung, die unsere beiden Gesichter wahren sollte. Inzwischen kam die ganze Nachbarschaft herbei und machte noch mehr Druck:
Der eine redete dem Besitzer ein, das Geld doch anzunehmen, das mein deutscher Freund ihm immer noch entgegenstreckte. Nein, nichts zu machen, er wolle nicht, dies hatte er schon bereits gesagt. Zufällig entdeckte ich bei ihm im Haus eine Frau mit einem Baby. Dies war meine Rettung. Ich sagte daher: "Oh bitte nehmen Sie das Geld, um für das Baby eine Kleinigkeit von uns zu kaufen!"
Alle atmeten auf und der Besitzer lächelte und nahm das Geld. Er konnte es ja nun nicht mehr ablehnen, da das Geld nicht für ihn, sondern für das Baby war. Das hatte nichts mit den Fahrrädern zu tun.
Höflichkeit der Chinesen gegenüber Touristen
Ein europäischer Tourist muss sich im Übrigen nicht sorgen! Wenn er nicht weiterkommt und einen Einheimischen nach einem Weg fragt oder nach etwas anderem – man wird ihn nie im Stich lassen. Selbst wenn der Gefragte selber nicht weiß, er würde jemand anderen für den Touristen fragen, bis dieser eine Auskunft hat. Einem fremden Ausländer gegenüber keine Auskunft zu geben – das verstöße gegen die Höflichkeit der Chinesen!
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jambin007
11. Januar 2012, 11:17, im Forum Asienreisen
Gast
18. April 2009, 21:32, im Forum Asienreisen
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