von Thuy Tran, veröffentlicht in China
Die Direktheit der Chinesen
Gerade die Europäer, die von so viel Höflichkeit ausgehen, erschrecken sich zu Tode, wenn sie von einem Chinese ungeniert und direkt gesagt bekommen: "Sie sind aber dick!" oder nach den ersten Smalltalk gleich gefragt werden, wie viel man im Monat verdient, ob man verheiratet sei, wenn nicht, warum nicht und wenn ja, ob man schon Kinder hat. Wenn man keine hat: "Warum nicht?", wenn man eins hat, "Warum nur eins, in Deutschland kann man doch mehrere haben." etc.
Chinesen scheinen Intimitäten oder Privatsphäre nicht zu kennen. Man prahlt gerne, wenn man das Gefühl hat, viel zu verdienen. Und es ist üblich, verheiratet zu sein und Kinder zu bekommen. Wenn man also nicht verheiratet ist, wird ungeniert verkuppelt.
Die Funktion der chinesischen Familie
Dieses Verhalten zeigt, dass Chinesen das Familienleben an erste Priorität stellen. Ein Individuum für sich alleine gibt es nicht. Nur Mönche leben unverheiratet, dafür schließen sie sich auch in einer Tempelgemeinschaft an. Der Sinn eines jeden Menschen sollte also die Heirat und die damit verbundene Familiengründung sein. Es ist auch selbstverständlich, dass man in der Familie – und sei es nur von außen betrachtet – zusammenhält. Familienangelegenheiten werden nicht nach außen getragen und jemand, der nicht zur Familien gehört, darf sich auch nicht in diese Familienangelegenheiten einmischen.
Es ist also nicht verwunderlich, dass auch Politiker die Innenpolitik Chinas als eine "familiäre" Angelegenheit sehen und zum Beispiel bei der Tibet-Frage allergisch reagieren, weil Nicht-Chinesen mitreden wollen. Andersrum ist es auch so, dass man sich nicht in Angelegenheiten anderer Familien einmischt. Klatsch und Tratsch hört sich jeder aber gerne an, aber hier eine Meinung abgeben – lieber nicht!
So kommt es, dass es sehr schwierig ist, von Chinesen eine wirkliche Meinung einzuholen. Abgesehen davon, dass nicht viele eine Meinung über eine Sache haben – denn das haben sie nicht immer gelernt, eine eigene Meinung zu bilden – würden sie diese auch nicht vor einem "Nicht-Familienmitglied" sagen; man muss mit ihm schon wirklich befreundet sein.
Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass man alles, was außerhalb der Familie passiert, möglichst distanziert betrachten sollte. Denn andere Familien sind grundsätzlich immer eine Konkurrenz.
In der eigenen Familie herrscht dagegen Hierarchie-Denken: Der Älteste hat Recht. In der eigenen Familie hingegen muss jedes Mitglied in jeder Gelegenheit dem anderen Mitglied helfen, hier ist Familienzusammenhalt Pflicht. Wenn also der jüngere Bruder Schulden hat, müssen die anderen Familienmitglieder ihm helfen, diese Schulden zu tilgen. Zumindest die Schulden einem Dritten – "Nicht-Familienmitglied" – gegenüber. Die Schulden bei den Geschwistern muss der jüngere Bruder dann allerdings alleine begleichen. Dies führt auch oft zu Familienauseinandersetzungen, die aber nicht nach außen getragen werden!
Teamwork bei den Chinesen
Vor diesem Hintergrund erklärt es, wieso Chinesen sich mit Teamwork sehr schwer tun. Man möchte die anderen Teammitglieder nicht kränken, weil man etwas nicht gut findet, andererseits möchte man nicht mit allen Informationen herausrücken, die für die Arbeit notwendig sind. Denn der andere ist grundsätzlich eine Konkurrenz.
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