von Katrin Steinberg, veröffentlicht in Gesprächsführung
Warum "Warum-Fragen" so explosiv sind
Zur Veranschaulichung möchte ich als Erstes eine klassische Situation in vielen Ehen heranziehen.
Thomas kommt spätabends vom Sport nach Hause. Er hat kaum die Tasche abgestellt, da wird er von seiner Frau Ella begrüßt mit der pointiert gestellten Frage: "Warum hast du vorhin, als du das Haus verlassen hast, nicht den Müll mit nach unten genommen? Ich hatte dich doch extra darum gebeten!"
Je mehr die beiden sich wegen der Arbeitsverteilung im Haushalt behakeln, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Thomas lediglich den Vorwurf heraushört: "Du nachlässiger Ehemann bringst nicht einmal den Müll raus!" Das ist der berühmte Schulz-von-Thun-Effekt der vier Seiten einer Nachricht, der besagt, dass jede Äußerung neben dem eigentlichen Wortlaut drei weitere Bedeutungen haben kann. Hier könnten die vier Seiten lauten:
Als Zweites möchte ich Ihnen eine zweite Familien-Standardsituation vor Augen führen.
Die fünfjährige Lilly sitzt auf dem Küchenfußboden und spielt mit ihrer Puppe, während die Mutter Bohnen schnippelt. Aus dem Blauen heraus fragt Lilly: "Du, Mama, warum hat Tante Rosi einen Bart? Eigentlich haben doch nur Männer Bärte." Die Mutter zuckt bei der Vorstellung zusammen, Tante Rosi mit ihren prägnanten Härchen auf der Oberlippe wäre im Raum, und antwortet dann: "Schätzchen, das ist manchmal so bei älteren Frauen, dass ihnen auf der Oberlippe Haare wachsen."
Lilly: "Warum?" Die Mutter: "Tja, Menschen verändern sich halt im Alter. Opa Rudi hat ja zum Bespiel auch keine Haare mehr auf dem Kopf, obwohl er früher ganz viele hatte." Lilly nach kurzem Nachdenken: "Warum kriegen Frauen mehr Haare und Männer weniger?" Die Mutter schon mit etwas angestrengter Geduld: "Weil Männer und Frauen eben verschieden sind." Lilly: "Warum?" Die Mutter: "Ach Schätzchen, das erklär ich dir, wenn du älter bist und das verstehen kannst." Kurze Pause. Dann Lilly: "Und warum rasiert sich Tante Rosi nicht so wie Opa Rudi?"
Leidgeprüfte Mütter wissen, wie es weiter geht: Irgendwann früher oder später siegt die Ungeduld, der Mangel an Kreativität für kindgerechte Antworten oder beides zusammen. Aber wer käme auf die Idee, Lilly hätte mit ihren Fragen jeweils vier Seiten einer Nachricht übermitteln wollen? Niemand, weil ihre Fragen alterstypische Anzeichen eines schier unerschöpflichen kindlichen Wissensdurstes sind.
Und genau hier ist der Unterschied zwischen Ella und Lilly: Während Lilly brennend an den Antworten auf ihre "Warum-Fragen" interessiert ist und damit wie ein Drillbohrer in unbekannte Gebiete vordringt, will Ella mit 99-prozentiger Wahrscheinlich gar nicht wirklich wissen, warum Thomas den Müll vergessen hat. Worüber genau aber sie hat tatsächlich sprechen wollen, bleibt offen.
Thomas kann sich aussuchen, auf welche Seite von Ellas Nachricht er reagiert. Dabei trägt er das Risiko, dass er auf die "falsche" Seite anspringt und Ella dann erst recht einschnappt. Eine klassische Doublebind-Situation, in der das Gegenüber keine Chance hat, vorherzusehen, was die "richtige" = gewünschte Reaktion ist, und auf die das Gegenüber dementsprechend auch eher lustlos bis abwehrend reagieren wird. So wird vermutlich auch Thomas auf die Frage von Ella genervt reagiert haben. Vielleicht haben sich die beiden danach sogar in die Haare bekommen.
Erstes Fazit: Wer "Warum-Fragen" dafür missbraucht, sein eigentliches Anliegen zu verschleiern, läuft Gefahr, einen Konflikt zu produzieren.
Heißt das aber auch, dass "ehrliche" Fragen nach dem Warum grundsätzlich erlaubt sind? Ich möchte Ihnen da zur Vorsicht raten. Denn "Warum-Fragen" haben eine fast hypnotische Kraft, der man sich als Befragter schwerer entziehen kann als anderen Fragen. Es hat seinen Grund, warum Kleinkinder eine "Warum-Phase" durchlaufen, aber keine "Wieso-Phase".
"Warums" sind sehr effektiv. Deshalb werden "Warum-Fragen" auch gezielt in der Mediation und im Coaching eingesetzt, um Menschen bei der Reflexion und Erforschung der eigenen Innenwelt zu unterstützen. Allerdings findet das dann mit dem erklärten Willen der Befragten statt. Wer keine Zustimmung gegeben hat, kann auf "Warum-Fragen" zum eigenen Handeln, Fühlen und Denken irritiert reagieren, weil er sich eingeengt fühlt.
Zweites Fazit: Wenn Sie von Ihrem Gegenüber keine Zustimmung (zum Beispiel durch eine Bitte um Rat und Unterstützung) haben, in dessen Innenwelt einzudringen, ist Zurückhaltung mit "Warum-Fragen" geboten.
Genau diesen Effekt können Sie jedoch für sich selbst nutzen! Wenn Sie in einer Zwickmühle stecken oder nicht recht weiterwissen, greifen Sie zu Zettel und Stift und stellen sich selbst – mit derselben Beharrlichkeit wie Lilly – eine "Warum-Frage" nach der anderen: "Warum stecke ich fest?" Sobald Sie die erste Eingebung einer Antwort haben, hinterfragen Sie diese Antwort wiederum mit "Warum...?" Wenn Sie hartnäckig dran bleiben und – wie Lilly – immer weiter nachhaken, haben Sie gute Chancen, sich selbst auf die Schliche zu kommen!
Drittes Fazit: Sie können die Kraft der "Warum-Fragen" gezielt für die Lösung eigener innerer Konflikte nutzen oder dafür, andere, die Sie darum gebeten haben, bei diesem Prozess unterstützen!
Die eingangs gestellten Fragen danach, warum man mit "Warum-Fragen" vorsichtig umgehen sollte und warum das so ist, sind harmlos. Denn diese Fragen sind ja an mich in meiner Rolle als Expertin gerichtet und haben nichts mit meinem Privatleben zu tun. Solche "Warum-Fragen" zu beantworten, macht mir Freude und erweitern Ihren Wissenshorizont. Deshalb würde ich mich darüber freuen, wenn Sie mir mitteilen würden, was Sie interessiert und beschäftigt!
Bombardieren Sie mich gern wie Lilly mit "Warum-Fragen". Denn ich antworte hier viel lieber auf Fragen, die Sie tatsächlich stellen, als auf solche, die ich mir für Sie ausdenke. Und ich bin mir sicher, dass alle Experten in diesem Forum diese Sichtweise teilen. Also stellen Sie Fragen, damit wir Experten-Artikel darüber schreiben und alle Leser davon profitieren können!
Wenn Sie allerdings Wissen außerhalb eines Kontextes wie in diesem Forum mit der Beharrlichkeit von Lilly stellen, empfehle ich Ihnen, nicht ganz so beharrlich zu sein.
Viertes Fazit: "Warum-Fragen" sind bestens dafür geeignet, den eigenen Wissenshorizont zu erweitern.
In diesem Sinne freue ich mich auf Ihre "Warum-Frage"!

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